Schneider, Jesus aus buddhistischer Sicht

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Jesus aus buddhistischer Sicht XVI - 4.3.1 Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 82. EL 2024 1 ZusammenfassungZusammenfassung Im Laufe der buddhistisch-christlichen Begegnungsgeschichte ist ein breites Spektrum buddhistischer Interpretationen Jesu entstanden, das von seiner DĂ€monisierung als Sohn Māras, der Einordnung als Bodhisattva auf dem Weg zur Buddhaschaft bis hin zur Anerkennung als Buddha reicht. Dieses Deutungsspektrum entstand jedoch nicht in einem Vakuum: Buddhistische Jesusbilder werden nicht nur von doktrinĂ€ren Grundvoraussetzungen der buddhistischen Traditionen beeinflusst, in denen sie entstehen, sondern sind auch in die historischen, politischen und soziokulturellen Kontexte der jeweiligen Interpretinnen und Interpreten eingebettet. So hat die lange und teils traumatische Kolonial- und Missionsgeschichte Asiens vielfach zu negativen Jesusbildern gefĂŒhrt, wĂ€hrend AnnĂ€herungen im Zuge von Modernisierungsprozessen oder Dialogöffnungen oftmals wertschĂ€tzende Darstellungen Jesu begĂŒnstigt haben. SchlagwörterSchlagwörter Jesus, buddhistisch-christliche Beziehungen, Kolonialismus, Mission, inter- religiöser Dialog, Christologie, interreligiöse Hermeneutik XVI - 4.3.1 Jesus aus buddhistischer Sicht [Buddhist Views of Jesus] Mathias Schneider Submitted July 27, 2024, and accepted for publication September 13, 2024 Editor: Martin Rötting SummarySummary In the history of Buddhist-Christian encounter, a broad spectrum of Bud- dhist interpretations of Jesus has emerged, ranging from his demonization as a son of Māra, to his categorization as a Bodhisattva on his way toward Buddhahood, to his appreciation as a Buddha. I will argue that this plurality of views did not arise in a vacuum, but was shaped by external influences, such as the quality of the historical Buddhist-Christian encounter or the interpreters’ own socio-cultural and political contexts. In this way, Buddhist interpretations of Jesus also mirror the variegated history of Buddhist-Chris- tian relations in general: For many Buddhists, the first encounter with Chris- --- Seite 1 Ende --- XVI - 4.3.1 Jesus aus buddhistischer Sicht 2© Westarp Science Fachverlag 1 E Im Laufe der buddhistisch-christlichen Begegnungsgeschichte haben Interpre- tinnen und Interpreten aus allen HauptstrĂ€ngen der buddhistischen Tradition auf unterschiedliche Konzepte und Strategien zurĂŒckgegriffen, um gegen Jesus zu polemisieren oder ihn in positiv besetzte doktrinĂ€re Kategorien der eigenen Tradition einzuordnen. Vom Beginn der konfliktreichen Kolonisierung zahl- reicher asiatischer LĂ€nder (16./17. Jh.) bis in die Gegenwart hinein ist dabei eine große Vielfalt buddhistischer Interpretationen Jesu entstanden, 1 deren geografische Schwerpunkte in Sri Lanka, Japan, China, den USA und Europa liegen. DarĂŒber hinaus sind in asiatischen LĂ€ndern wie Thailand oder Vietnam herausragende Einzelpersönlichkeiten wie Bhikkhu Buddhadāsa (1906–1993) oder Thich Nhat Hanh (1926–2022) aufgetreten, deren Sicht auf Jesus den buddhistisch-christlichen Dialog wirkmĂ€chtig mitgeprĂ€gt hat. 2 Aus hermeneutischer Sicht handelt es sich beim Gegenstand dieses Beitrags in der Terminologie Piet Schoonenbergs (1911‒1999) um buddhistische „Hetero- Interpretationen“ Jesu, d.  h. Deutungen „aus einer anderen Tradition heraus“, die sich explizit oder implizit auf ein christliches SelbstverstĂ€ndnis bzw. eine „Auto-Interpretation“ Jesu beziehen, aber nicht in dieser aufgehen. 3 Hetero- Interpretationen entstehen nicht in einem Vakuum, sondern sind wiederum von verschiedenen historischen, politischen und soziokulturellen Faktoren beeinflusst. Dadurch sind sie vielfĂ€ltig und wandelbar, weil ihre Entstehung eng mit der QualitĂ€t der jeweiligen historischen buddhistisch-christlichen Be- gegnungssituation verflochten ist. In ihnen wirken sich die politischen und so- ziokulturellen Kontexte der jeweiligen Begegnungssituation aus, was buddhis- tische Deutungen Jesu zum Teil zu einem Spiegel der buddhistisch-christlichen Begegnungsgeschichte macht: „his estimation ris[es] in reverse proportion to the degree to which Buddhist authors felt threatened by his followers“. 4 tianity took place under the impact of Western colonialism and Christian mission, leading to predominantly negative views of Jesus. However, under the influence of modernization and openings for dialogue, various Buddhist interpreters have been able to develop more positive attitudes towards Jesus. KeywordsKeywords Jesus, Buddhist-Christian relations, colonialism, mission, interreligious dialogue, Christology, interreligious hermeneutics
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