Religion und Öffentlichkeit.
Mediale Interessenvertretung der katholischen und evangelischen Kirchen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Von Judith Könemann und Anna-Maria Meuth
Ausgangssituation
Das öffentliche Engagement der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland, wie auch in vielen westeuropäischen Ländern sieht sich seit geraumer Zeit mit scheinbar gegenläufigen Entwicklungen der religiösen Situation konfrontiert. Auf der einen Seite führen Säkularisierungsprozesse zu einer Verdrängung von Religion und Kirchen aus der öffentlichen Wahrnehmung und den politischen Einflusssphären. Auf der anderen Seite wird die weiterhin vorhandene Organisationsstärke und Attraktivität der Kirchen und christlichen Wohlfahrtsverbände betont und auf die Präsenz in den Medien und das Interesse an religiösen Großereignissen verwiesen. Gleichzeitig haben die vielfältigen Auseinandersetzungen um Religion und um die Migrationsprozesse mit den damit verbundenen (religiösen) Pluralisierungsprozessen in den vergangenen Jahrzehnten wieder zu einer steigenden öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber Religion geführt.
Unabhängig von der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung haben die christlichen Kirchen schon seit jeher den Anspruch erhoben, als christliche Religion eine öffentliche Religion zu sein und sich mit ihren inhaltlichen und wertnormativen Positionen und Haltungen in den öffentlichen Diskurs einzubringen, um Politik, gesellschaftliches Leben sowie das Leben des Einzelnen in normativer Hinsicht mitzugestalten. Dieses Ziel verfolgten sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vermehrt über die mediale Vermittlung in der politischen Öffentlichkeit im Rahmen umstrittener gesellschaftspolitischer Debatten, die oftmals im Umfeld gesetzgebender Verfahren stattfanden.
Neben den Veränderungen im religiösen Feld, haben in den vergangenen Jahrzehnten auch massive Veränderungsprozesse hinsichtlich der Bedeutung der Medien für die Demokratie eingesetzt, sodass wir heute von einer mediatisierten Demokratie sprechen, in welcher neue Handlungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft und ihrer Akteure im Rahmen öffentlicher politischer Kommunikation entstanden sind.1
Ausgehend von diesen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Veränderungen, denen sich die beiden großen christlichen Kirchen als öffentliche Player gegenübergestellt sehen, wird in diesem Aufsatz der Frage nachgegangen, in welcher Weise sie ihren selbstformulierten Anspruch auf Öffentlichkeit und Mitgestaltung wahrnehmen. Das bedeutet genauer hin: Wie bringen sie sich in die mediale Öffentlichkeit ein und wie vertreten sie ihre Interessen in Mediendebatten? Wie vermitteln sie ihre religiösen Interessen in die Öffentlichkeit und in den politischen Raum? Und wie bringen sie ihre normativen Positionen in die gesellschaftspolitischen Diskurse ein? Mit diesen Fragen wird der Blick auch auf die gesellschaftlich zugesprochene Legitimität der von den Kirchen religiös begründeten und beanspruchten Mitsprache in Politik und medialer Öffentlichkeit gelenkt.
Wir gehen davon aus, dass der Anspruch auf Positionierung und Einflussnahme unter den Bedingungen differenzierter, pluralistischer Gesellschaft von den christlichen Kirchen nur eingelöst werden kann, wenn es gelingt, in einer vielfältigen und schnelllebigen mediatisierten Gesellschaft und in einem stark von Medien flankierten Politikprozess die eigenen Positionen erkennbar, pointiert, wirksam und nachhaltig zu übermitteln. Dies führt mit Blick auf die christlichen Kirchen als öffentliche Akteure zu der weitergehenden Frage nach einem möglichen Legitimations- und Anpassungsdruck, dem diese mit ihren (religiösen) Argumentationen gesellschaftspolitisch unterliegen und dem im Folgenden näher nachgegangen werden soll: Reagieren die Kirchen in ihrem öffentlichen Handeln auf die veränderten Bedingungen verschiedener gesellschaftlicher Felder und erbringen sie damit u. U. Anpassungsleistungen an die sich verändernden Bedingungen? Wie gelingt ihnen dabei die Bewahrung ihres genuin christlichen Anspruchs der Mitgestaltung bei gleichzeitiger Hinwendung zu Welt und Gesellschaft?2 Diesen Fragen gehen wir anhand der medial vermittelten, öffentlichen Positionierungen der christlichen Kirchen in zwei zentralen und gesellschaftspolitisch gleichermaßen kontroversen wie umstrittenen Debatten, der Debatte um den Schwangerschaftsabbruch und der Debatte um Zuwanderung/Migration/Asyl in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach.3 Beide Debatten haben immer wieder in hohem Maße öffentliche Aufmerksamkeit generiert und bei beiden handelt es sich um hoch wertnormative Konflikte, durch die die Kirchen in besonderer Weise herausgefordert sind, ihre Position zu sozialen oder bioethischen Fragen in der Öffentlichkeit zu vertreten. …
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Der vollständige Artikel umfasst 28 Seiten
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