## **XIII - 1.2 Zur Entwicklung und Prävention
Vorurteilen** Von Andreas Beelmann
Einleitung: Zur Problematik und Definition von Vorurteilen
Vorurteile gegenüber „Ausländern<, Intoleranz und Diskriminierung gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen sind eng mit der Menschheitsgeschichte verbunden. Zu allen Zeiten und unter allen politischen Systemen lassen sich derartige Einstellungs- und Verhaltensmuster beobachten, sodass die Vermutung naheliegt, dass es sich um ein sehr allgemeines, um nicht zu sagen menschliches Phänomen von großer Tragweite handelt. Häufig ist der Diskurs um Vorurteile, Diskriminierung und Toleranz allerdings allein von einer politischen Perspektive geprägt (z. B. bei politischen Maßnahmen gegen rechte Parteien) und öffentliche Aufmerksamkeit erlangt diese Thematik oftmals erst dann, wenn wir in den Medien zum Beispiel von brutalen Überfällen von „Rechten< auf Menschen anderer Hautfarbe oder ähnlich negativen Vorfällen erfahren. Dagegen bleibt eine fundierte psychologische Auseinandersetzung aus, obwohl umfangreiche Forschungen vorliegen, die ganz wesentlich zu unserem Verständnis von Vorurteilen und den Möglichkeiten ihrer Vermeidung beitragen können.1 Der folgende Beitrag gibt eine Übersicht zu psychologischen Grundlagen gruppenbezogener Einstellungen. Die Ausführungen verstehen sich als Erklärung und nicht als moralische, rechtliche oder politische Auseinandersetzung. Vielmehr geht es im Beitrag um jene psychologischen Faktoren, die dazu führen, dass Menschen problematische Einstellungsmuster entwickeln, sowie um Möglichkeiten der Prävention und Toleranzförderung.
Als „Vorurteile< bezeichnet man in der Sozialpsychologie negative Einstellungen gegenüber Mitgliedern anderer sozialer Gruppen, wobei diese Einstellungen allein aufgrund der Zugehörigkeit zu diesen Gruppen vorhanden sind, also nicht auf persönlichen Erfahrungen beruhen. Daher spricht man heute auch etwas allgemeiner von negativen Intergruppen-Einstellungen. Vorurteile können sich unterschiedlich äußern, zum Beispiel in der Zuschreibung bestimmter negativer Eigenschaften („Ausländer sind gemein, faul, unzuverlässig usw.<), in Sympathieeinschätzungen („Muslime mag ich nicht<) oder in einer Abneigung, mit Menschen bestimmter Gruppen in Kontakt zu treten. Als Merkmale, die eine Gruppenzuordnung begründen, kommen vielfältige Eigenschaften infrage, wie biologische (Männer / Frauen), ethnische (türkische / deutsche Personen), reli giöse (Juden, Muslime, Hindus) oder auch sozial konstruierte (Fans von Bayern München / Borussia Dortmund).
Um zu verstehen, wie es zu einer ablehnenden und negativen Haltung in Bezug auf diese Gruppen kommt, sind zwei Befunde der Vorurteilsforschung von zentraler Bedeutung. Erstens neigen Menschen dazu, andere Personen anhand sozialer Gruppen zu kategorisieren, ähnlich wie wir auch unsere dingliche Welt in Kategorien einteilen. Dies ist zunächst keineswegs problematisch, sondern aus psychologischer Sicht im Gegenteil Anzeichen einer guten intellektuellen und sozialen Entwicklung. Wir müssen unsere soziale Umwelt strukturieren, um mit der Vielfalt an sozialen Informationen zurechtzukommen und um in sozialen Interaktionen auf Erfahrungswerte zurückgreifen zu können. Für unsere Identitätsentwicklung ist es nun zweitens wichtig, sich bestimmten sozialen Kategorien zuzuordnen, z. B. als Mann oder Frau, als Jugendlicher oder Rentner, als Deutscher oder Türke, als Christ oder Muslim, als Fan von Borussia Dortmund oder Bayern München, als Mitglied eines Freundeskreises, als Bewohner einer Stadt usw. Durch diese Zuordnung versehen wir uns mit einer bestimmten sozialen Identität, in deren Folge nun automatisch eine Tendenz besteht, soziale Kategorien, denen wir uns selbst zuordnen (sogenannte Eigengruppen), höher zu bewerten, als fremde soziale Kategorien (sogenannte Fremdgruppen), denen wir nicht angehören. Diese Art von Bewertungstendenzen bestehen bei allen Menschen, sodass Vorurteile immer nur eine Frage des Ausmaßes von Einschätzungen der Eigengruppe und der sozialen Fremdgruppe sind. Gewisse Unterschiede akzeptieren wir, ohne weiter darüber nachzudenken, wenn man etwa als Fan von Bayern München andere Vereine und deren Fans nicht sympathisch findet. Andere Bewertungsunterschiede überschreiten soziale Normen, wenn man etwa Muslimen grundsätzlich eine gewaltbereite Haltung zuschreibt.
Von Bewertungsunterschieden (Vorurteilen) in gruppenbezogenen Einstellungen zwischen der eigenen und der fremden sozialen Gruppe sind also wir alle betroffen, weil wir sozial kategorisieren, uns selbst diesen Kategorien zuordnen, diese Kategorien bewerten und unsere Identität danach ausrichten. Die Frage ist nun, welche Faktoren dazu beitragen, dass die Bewertungsunterschiede einmal geringer und einmal höher ausfallen? Oder anders gefragt: Welche Faktoren tragen dazu bei, dass wir uns einmal sozial verträglich entwickeln oder aber Bewertungsmuster aufweisen, die von großer Feindseligkeit gegenüber Andersartigkeit geprägt sind?
Neuere Forschungen zeigen, dass die genannten Bewertungsunterschiede schon sehr früh in der Entwicklung auftreten, ohne dass wir in diesen Fällen bereits von ausgeprägter Vorurteilsneigung sprechen können. Dennoch sind schon Kinder im Alter von etwa vier Jahren in der …
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Der vollständige Artikel umfasst 24 Seiten
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