Dialog zwischen Judentum und Christentum
Von Hans Hermann Henrix
Der christlich-jüdische Dialog der Gegenwart wird auch Dialog „nach Auschwitz“ genannt. Diese Ortsangabe enthält eine Zeitansage: Es ist ein Dialog, der sich grundlegend von den Jahrhunderten der „Disputationen und Polemiken“1 unterscheidet, die sich zwischen Christentum und Judentum ereignet und zum Abgrund von Auschwitz beigetragen haben. Der Dialog der Gegenwart zwischen beiden Gemeinschaften steht im Schatten jahrhundertelanger Vorgeschichte.
Mit der Vorgeschichte heutiger Beziehung melden sich eine schwere Last und ein verstörtes Langzeitgedächtnis. Dieses Gedächtnis bewahrt ungezählte Erinnerungen eines missglückten „Gesprächs“ und hält Gegenmodelle zu einem offenen Dialog bereit. Das Gedächtnis speist seine Intensität aus Leidenserfahrungen, in denen jüdische Geschichte nicht aufgeht, aber an denen sie reich ist. Ein solches Gedächtnis ist nicht in jedem Fall historisch „korrekt“ und weiß manchmal wenig um neutrale oder gar freundliche christlich-jüdische Beziehungen, die es in den unterschiedlichen Epochen und verschiedenen Regionen auch gegeben hat. Es ist eine eigene Herausforderung, die geschichtlichen Voraussetzungen heutiger Beziehung präsent zu halten. Dies entspricht dem Anspruch eines „moralischen und religiösen Erinnerns“, von dem die Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden in ihrem Dokument „Wir erinnern. Eine Reflexion über die Schoa“ vom 16. März 1998 gesprochen hat.2 Ein moralisches und religiöses Erinnern schließt die analytische Bemühung der Geschichtsforschung mit ihren ,üblichen Kriterien‘ ein.
Der Schatten der Geschichte: Trennung der Wege - Disputationen und Polemik - Diffamierung und Vernichtung[3]
Christentum und Kirche sind aus dem Judentum hervorgegangen und bleiben mit ihm unauflösbar verbunden. Paulus hat die Verbundenheit mit dem Bild vom Ölbaum zum Ausdruck gebracht und die junge Gemeinde von Rom gemahnt: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11, 18). Aber die Verbundenheit hat nicht verhindert, dass es in der Entstehung des Neuen Testaments zu heftigen Auseinandersetzungen kam, deren Ergebnis die schließlich vom Judentum getrennte Gemeinschaft der Kirche war.
Die Auseinandersetzungen waren zunächst als Konflikt zwischen Juden und jüdischen Anhängern Jesu ein innerjüdischer Streit. Er entzündete sich vor allem am Glauben der christusgläubigen Juden, dass in Jesus von Nazaret die Gottesherrschaft erfahrbar wurde und er der von den Propheten angesagte Messias und das Mensch gewordene Wort Gottes sei. Die Mehrheit des jüdischen Volkes teilte diesen Glauben nicht. Als die Anhänger Jesu nach seinem Tod und seiner Auferweckung ihren Glauben nicht nur Juden, sondern auch Nichtjuden („Heiden“) verkündeten, wurde über eine Vielzahl von Stationen eines konfliktreichen Ringens aus dem zunächst innerjüdischen Konflikt ein solcher, in dem sich dann Juden einerseits und Judenchristen beziehungsweise Christen aus den Völkern andererseits gegenüberstanden. So sehr die christusgläubigen Juden ihren neuen Weg zunächst in Übereinstimmung mit dem herrschenden Verständnis der Tora zu gehen versuchten, führte die Hinzugewinnung von nicht-jüdischen Heiden - besonders aus den „Gottesfürchtigen“ im Umfeld der Synagogengemeinden - ohne Beschneidung und weitere Verpflich tung auf die Tora zur Auseinander setzung unter den Jesus- bzw. Christusgläubigen. Der innergemeindliche Findungsprozess lief parallel zur Auseinandersetzung mit der Mehrheit der nicht-christusgläubigen Juden, die sich in bitteren Konflikten vertiefte: Eine erste Verfolgungswelle von Stephanus bis Jakobus bedeutete Bedrängnisse besonders der Gemeindemitglieder aus der Reihe der freieren Hellenisten (vgl. Apg 6-8), traf dann gesetzesobservante Apostel (vgl. Apg 12,1 f.) und ging bis zur Hinrichtung des Jakobus, des sogenannten Herrenbruders (vgl. Flavius Josephus, Antiquitates XX, 9.1), im Jahre 62 n. Chr.
Die Zerschlagung jüdischer Eigenstaatlichkeit und die Zerstörung des Tempels im Jüdischen Krieg gegen Rom von 66 bis 70 bedeuteten für das Judentum eine tiefe Zäsur. Für dieses erlangte die Bindung an die Tora zentrales Gewicht. Für die vom Verlust des Tempels mitbetroffenen Judenchristen wurde Jesus der Christus zum Ort der Gegenwart Gottes. Als neues jüdisches Zentrum etablierte sich der Küstenort Jabne, der zwischen 70 und 132 Sitz des Sanhedrins und der rabbinischen Gelehrsamkeit wurde. Die Nichtbeteiligung der christusgläubigen Juden am messianisch geprägten jüdischen Aufstand gegen Rom (Bar-KochbaAufstand) von 132 bis 135 hat diese beim jüdischen Volk schwer diskreditiert. So hat man einen tiefen Riss zwischen jungem Christentum und Judentum für das Ende des Bar-Kochba-Aufstandes anzusetzen. Die Entwicklung behielt auf der Ebene des Glau bens infolge des breiten innerjüdischen Glaubensspektrums längere Zeit eine Offenheit. Ihre entscheidenden Stationen waren weniger durch dogmatische Fragen als durch religionspraktische Regelungen beziehungsweise Gegebenheiten markiert. Der Riss bedeutete noch nicht den völligen Abbruch jeder Kommunikation, wie der „Dialog mit dem Juden Tryphon“ von Justin
dem Märtyrer (ca. 110-167) zeigt. In der neueren Forschung zur Trennung der Wege von Judentum und Christentum wird der völlige Bruch teilweise als erst im vierten …
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Der vollständige Artikel umfasst 28 Seiten
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