Ernst-Ludwig Ehrlich (1921‒2007) XV - 1.2.2
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 80. EL 2024 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Der Historiker und Religionswissenschaftler Ernst Ludwig Ehrlich (1921–
2007) gehört zu den prägenden Gestalten des deutschsprachigen Judentums
nach der Schoa. Die Lebensgeschichte des gebürtigen Berliners umfasst die
Erfahrung von Vernichtung und Wiederaufbau des europäischen Judentums
im 20.
Jahrhundert. Ehrlich war einer der letzten vier Schüler Rabbiner
Leo Baecks an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. 1943 gelang ihm dank christlicher Helfer die Flucht in die Schweiz, wo er 1950 in Basel promoviert wurde und von dort aus zu einem Wortführer im jüdisch- christlichen Dialog in Deutschland avancierte. Der Aufsatz schildert, wie
die Erfahrung von Ausgrenzung, Untergrund und Flucht Ehrlich trotz allem
zum Brückenbauer machte, der Zeichen für die Zukunft setzte.
SchlagwörterSchlagwörter
Interreligiöser Dialog, Juden und Christen, Leo Baeck, liberales Judentum,
Nostrae Aetate, Wissenschaft des Judentums
XV - 1.2.2 Ein Leben für Dialog und Erneuerung:
Ernst-Ludwig Ehrlich (1921‒2007), Brückenbauer
im jüdisch-christlichen Dialog
[A Life for Dialog and Renewal: Ernst-Ludwig
Ehrlich (1921‒2007), bridge builder in
Jewish-Christian dialog]
Hartmut Bomhoff
Submitted December 01, 2023, and accepted for publication April 01, 2024
Ed
itors:
Walter Homolka, Hartmut Bomhoff
SummarySummary
The historian and religious scholar Ernst Ludwig Ehrlich (1921‒2007) was
among the most influential minds in the post-Shoah German-speaking Je-
wish world. The life story of the native Berliner includes the experience
of the annihilation and rebuilding of European Jewry in the 20th centu-
ry. Ehrlich was one of the last four students of Rabbi Leo Baeck at the
Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. In 1943, with the help of
Christian friends, he escaped from Berlin to Switzerland, where he recei-
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XV - 1.2.2 Ernst-Ludwig Ehrlich (1921‒2007) 2© Westarp Science Fachverlag
Einleitung
„Die Theologie kann uns trotz vieler Gemeinsamkeiten nicht zusammenbrin-
gen“, befand Ernst Ludwig Ehrlich 2002. „Religion jedoch vermag es, denn
Religion in ihrer höchsten Erscheinung ist mehr als Theologie. Sie ist der Ver-
such des Menschen, der Liebe Gottes nachzueifern.“
1
In diesem Beitrag soll in
aller Kürze nachgezeichnet werden, wie Ernst Ludwig Ehrlich sein Leben in
der ihm eigenen Weise dem Dialog widmete: ausgleichend und fordernd, für
eine Kultur der Verständigung.
Ernst Ludwig Ehrlich, der am 27.
März 1921 in Berlin-Charlottenburg als ein-
ziges Kind von Martin Ehrlich und seiner Frau Eva (geborene Borkowsky) zur
Welt gekommen war, verstand sich zeit seines Lebens als liberaler Jude. Als
Zwölfjähriger erlebte er den Umsturz und Machtantritt der Nationalsozialisten
als Auftakt der zunehmenden Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen
Leben. Nach seinem Abitur 1940 nahm er seine Studien an der Lehranstalt für
die Wissenschaft des Judentums auf, wo Rabbiner Leo Baeck (1873–1956) bis
zum Juli 1942 sein Lehrer war und für ihn zur prägenden Persönlichkeit wurde:
„Der Eindruck ist unvergesslich: Ein vitaler Siebzigjähriger, der angesichts des
Untergangs der Juden in Deutschland von der Aufgabe des Tages sprach, von
der Größe des Judentums und von seiner Hoffnung, trotz allem.“
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Dieses ewige
Dennoch bestimmte fortan auch die Haltung Ehrlichs: „Hinter ihn wollte er
sich stellen in die Reihe derer, die das Gedankengut Leo Baecks hüteten und
weitervermittelten“, fasste es seine Witwe Sylvia Ehrlich (Luzern) zusammen.
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Ehrlichs erste Hinwendung zum interreligiösen Gespräch hatte noch kurz
vor seiner Flucht stattgefunden, als er bei einem linkskatholischen Helfer
Unterschlupf gefunden hatte und dieser Auskunft über bestimmte Termini
Leo Baecks in dessen Aufsatz über das Christentum, „Romantische Religi-
on“ (1922), einforderte: „Christlich-jüdischer Dialog in der Grenzsituation
ved his doctorate in Basel in 1950. From there, he became a spokesman in Jewish-Christian dialogue in Germany. The essay narrates how despite the
experience of discrimination, life in hiding, and flight, Ehrlich became a
bridge-builder who set an example for the future.
KeywordsKeywords
Interreligious dialogue, Jews and Christians, Leo Baeck, Liberal Judaism,
Nostrae Aetate, Science of Judaism
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Der vollständige Artikel umfasst 10 Seiten
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