Franz Böckle XV - 1.1.9
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 52. EL 2017 1
XV - 1.1.9 Franz Böckle
Von Gerd Höver
Franz Böckle war von 1963 bis 1986 Professor an der Rheinischen-Friedrich-
Wilhelms-Universität Bonn und zählt zu den bedeutenden, weit über den deut-
schen Sprachraum hinaus wirkenden Theologen seiner Zeit.
Franz Böckle wird am 18. April 1921 im schweizerischen Glarus geboren.
Nach seiner Matura 1941 studiert er Theologie am Priesterseminar St. Luzi
in Chur und wird 1945 zum Priester geweiht. Während seiner Kaplanszeit in
Zürich-Wollishofen kommt er in Kontakt mit der „Studiengemeinschaft“ des
katholischen Theologen Hans Urs von Balthasar (1905 – 1988) ; die dortige
Begegnung mit der modernen protestantischen Theologie prägt sein weiteres
Denken und lässt ihn Zeit seines Lebens zu einem engagierten Vertreter des
ökumenischen Dialogs werden. 1950 begibt er sich auf Weisung des Churer
Bischofs Christianus Caminada (1876 – 1962) zum Weiterstudium nach Rom.
Während der Zeit seiner Promotion ist er als Krankenhausseelsorger tätig;
die dort erfahrene Distanz zwischen Morallehre und den medizin-ethischen
Herausforderungen vor Ort lassen ihn, so sagt er rückblickend, „den prakti-
schen Fragen der Ärzte gegenüber eine bittere Hilflosigkeit spüren. Was ich
da zu sagen hatte, waren keine Antworten auf ihre Fragen und schon gar keine
aus christlichem Geist erwachsene Entscheidungshilfen für die ihnen anver-
trauten Patienten. Diese Erfahrung am Start meiner Laufbahn war ungemein
prägend für meine weitere Entwicklung. Es war mir klar: Moral macht man
nicht von oben. Sittliche Erkenntnis wächst aus dem Bemühen um eine um-
fassend menschliche Antwort auf konkrete Herausforderungen des Lebens.
Diesen Weg suchte ich fortan im Ganzen meiner moraltheologischen Arbeit
zu gehen. Damals wurde der Grundstein gelegt für jene Renovationsarbeiten
am Gebäude der Moraltheologie, die ich zeitlebens verfolgte.“
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Da damals an
eine Lehrtätigkeit im Fach Moraltheologie noch gar nicht gedacht war, befasst
sich Böckle auf Anregung Hans Urs von Balthasars in seiner Dissertation mit
einem bibeltheologischen Thema:
„Die Idee der Fruchtbarkeit in den Paulusbriefen“.
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1952 beauftragt ihn sein
Bischof, den Lehrstuhl für Moraltheologie am Churer Priesterseminar zu
übernehmen. Böckle ist nach seinen eigenen Worten regelrecht schockiert,
ein Fach dozieren zu sollen, das er zumindest in Gestalt der damaligen neu-
scholastischen Lehrbücher nicht wirklich studiert habe. Obwohl er durch
den seinerzeit bedeutenden Dominikaner Réginald Garrigou-Lagrange
(1877 – 1964) mit der Theologie des Thomas von Aquin bestens vertraut
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gemacht und durch die Lektüre der Summa Theologiae zeitlebens geprägt
worden war, erbittet sich Böckle zunächst ein Jahr Vorbereitungszeit am
Lehrstuhl für Moraltheologie in München und wird Assistent bei Richard
Egenter (1902 – 1981). Die damalige wertphilosophisch und psychologisch
orientierte deutsche Moraltheologie spricht ihn jedoch theologisch nicht
an, vielmehr bildet er seine theologische Orientierung im ökumenischen
Gespräch insbesondere mit Karl Barth (1886 – 1968) und Emil Brunner
(1889 – 1966) weiter aus. Im Herbst 1953 tritt er sein neues Amt als Profes-
sor für Moraltheologie an, das ihm einen geringen Verdienst von etwa 300
SFr. monatlich, dafür aber eine enorme Arbeitsbelastung einbringt, zumal
er wie damals üblich auch das Fach der Sozialethik mit zu übernehmen
und die Lehre selbstverständlich in lateinischer Sprache durchzuführen
hat. Böckle hat jedoch seine Schweizer Jahre trotz aller Einschränkungen
als eine erfüllte Zeit bezeichnet. Seine Überzeugung, dass Theologie ohne
Seelsorge leer ist, hat ihn dabei wesentlich geprägt. In seiner Kaplanszeit
als Jugendseelsorger für die gesamte Schweiz verantwortlich, gewinnt er
eine besondere Nähe für die Fragen und Sorgen junger Menschen. Dieser
besondere Kontakt zur Jugend ist stets lebendig geblieben, und so ist es
ihm auch später ein Anliegen, am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium Bonn
einmal wöchentlich eine Stunde Religionsunterricht zu geben.
Durch seine Vortrags- und Publikationstätigkeit, insbesondere als Mitheraus-
geber und Autor des Standard setzenden Werkes „Fragen der Theologie heu-
te“
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weit über die Schweiz hinaus bekannt geworden, wird er 1963 auf den
Lehrstuhl für Moraltheologie nach Bonn berufen. Seine Öffentlichkeits- und
Kommissionsarbeit auf allen Ebenen von Kirche, Gesellschaft und Politik wird
zum Signum seines Wirkens und lässt ihn zu einem maßgeblichen Erneuerer
der Moraltheologie werden. Er beginnt in dieser Zeit eine neue Konzeption
theologischer Ethik zu entwickeln, welche die Verantwortung des Menschen
nicht nur vor, sondern auch für Normen im Sinne sittlicher Institutionen in
den Mittelpunkt rückt. Böckles Hauptwerk, die „Fundamentalmoral“ aus dem
Jahre 1977, ist die wissenschaftliche Darlegung seines Verständnisses von Mo-
raltheologie, nämlich Auslegung des Glaubens im Medium der Ethik zu sein.
Es ist die Grundlage einer differenzierten Argumentationsfähigkeit, die Sach-
und Sinneinsicht in den unterschiedlichsten Lebens- und Politikbereichen zu
verbinden weiß.
Eine gewichtige Bewährungsprobe seines Ansatzes erfährt Böckle bereits in
der Grundwertediskussion der 1970er-Jahre. 1976 trifft er erstmals mit dem
damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt zusammen. Schmidts Kritik am
Westarp Science Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 18 Seiten
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