Dorothee Sölle XV - 1.1.8
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 52. EL 2017 1
XV - 1.1.8 Dorothee Sölle
Von Ursula Baltz-Otto
Wegzeichen der Hoffnung und Ermutigung
„Wir brauchen licht/um denken zu können/wir brauchen luft/um atmen zu
können/wir brauchen ein fenster/zum himmel.“
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Dorothee Sölle ist in ihrer theologischen Denkweise für viele Menschen prä-
gend gewesen. Ihr Denken und Handeln, ihre Bücher waren und sind Wegzei-
chen der Hoffnung und Ermutigung zur Fantasie des „Lebens in seiner Fülle“.
Es ist die Sehnsucht nach Licht und Freiheit, ihr Mit-leiden und das Bedürfnis,
Sinn zu erfahren und Sinn zu stiften.
Dieses „fenster zum himmel“ ist etwas, das trägt und erhält. Es ist der Wunsch
nach Sinn, nach Glauben und Hoffnung. Es ist auch die Suche nach Heimat,
Geborgenheit und die Abkehr von allem, was gegen das gottgegebene Leben
gerichtet ist. Diese Sehnsucht, das „fenster zum himmel“, wollte Sölle wachhal-
ten und dafür arbeiten, damit ein Stück Himmel auf unserer Erde Wirklichkeit
werden kann.
Davon sprechen auch einige der folgenden Verse:
„Dreh dein gesicht zu uns gott
komm zu denen die nach dir ausschau halten
mach uns satt am morgen von deinem licht
dass wir musik machen und kein tag ohne freude sei ...“
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Wer Dorothee Sölle erlebt und gehört hat, im Politischen Nachtgebet in Köln,
auf evangelischen Kirchentagen, auf Katholikentagen, bei Friedenskundgebun-
gen, bei Diskussionen und Lesungen, wird von der Klarheit und Entschiedenheit
ihrer Worte beeindruckt gewesen sein. Ihr Engagement in der Friedensbewe-
gung und für die Bewahrung der Schöpfung, ihr Eintreten für Gerechtigkeit, ihr
Protest gegen Krieg und Gewalt zeigen eine Theologie, die ohne gesellschaft-
liche Relevanz nicht zu denken ist.
Ihr Denken und Handeln war für viele Menschen Ermutigung und Herausfor-
derung, für andere unbequem. Sie errang international und ökumenisch als
Theologin hohe Aufmerksamkeit, wurde als Stimme deutscher Theologie in
der Welt wahrgenommen.
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XV - 1.1.8 Dorothee Sölle
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„Diese kleine, so große Frau (hatte) etwas Mitreißendes, etwas Aufrich-
tendes, etwas Ermutigendes, sie, die so behutsam und kämpferisch war, so
vernunftgeleitet wie gefühlsstark, so politisch wie mystisch – alles loslas-
send und mit allen Sinnen dem Leben zugewandt. ‚Mutanfälle‘ brauchen
wir, wo Gleichgültigkeit, Resignation oder Wutausbrüche drohen. Einen
Mut, der Mut macht. Menschen, die uns gut tun, Kraft geben, einander gut
zu sein – im unmittelbaren Lebensumkreis wie im Weltkreis.“
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1994 hat Dorothee Sölle ihre Autobiografie geschrieben. Das Buch hat den dop-
pelsinnigen Titel: „Gegenwind“. Doppelsinnig, weil offenbleibt: Ist jener Wind
gemeint, der der Verfasserin lebenslang um die Ohren blies – oder umgekehrt:
jener Sturmwind, den sie anderen nicht ersparen konnte?
Dorothee Sölle, diese große Theologin und Poetin hat vielfach Anstoß erregt.
Sie gehört zu den großen Unruhestifterinnen des Protestantismus im 20. Jahr-
hundert. Für die einen war sie fast eine Heilige in ihrem leidenschaftlichen
Kampf gegen Gewaltstrukturen jeder Art, in der Kritik auch an ihrer zu vor-
sichtig taktierenden Kirche, für andere war sie zu revolutionär.
Wer war Dorothee Sölle? – Fulbert Steffensky charakterisiert seine Frau fol-
gendermaßen:
„Dorothee war ein widersprüchlicher Mensch, und das war ihre Stärke. Sie
war nicht festzulegen, weder von den Frommen noch von den Politischen.
Sie erlaubte sich, die jeweils andere zu sein – den Frommen die Politische,
den Politischen die Fromme. Das hat viele irritiert. Peter Bichsel hat einmal
geschrieben: ‚Der Satz, der mich in meinem Leben am tiefsten betroffen ge-
macht hat, ist der Satz von Dorothee Sölle: Christ sein bedeutet das Recht,
ein anderer zu werden.‘ Sie hat sich das Recht herausgenommen, eine ande-
re zu sein als die Vermutete. In diesen Doppelwelten hat sie gelebt. Selten
ging sie zu Bett, ohne am Klavier ein Loblied auf Jesus Christus zu singen.
Ihren Enkeln erzählte sie am liebsten biblische Geschichten ... Sie war ein
glücksfähiger Mensch. ‚Gott und das Glück‘ war das Thema ihres letzten
Vortrags. Staunen, loben waren Grundworte ihrer Theologie. Ein Mensch,
der so des Lobens und Staunens fähig ist, ist zugleich des Schmerzes und
des Zorns fähig, wo sie die Feinde des Lebens sah.“
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Ausgangspunkt für Sölles theologisches Denken war die Frage, wie man nach
Auschwitz von Gott reden kann. Sie wehrte sich gegen die Vorstellung der
Allmacht Gottes und entwickelte eine Christologie, in der auch der in Christus
ohnmächtig gewordene Gott der Stellvertretung bedarf. Sie glaubte an einen
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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