Hans Urs von Balthasar XV - 1.1.2
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 43. EL 2015 1
XV - 1.1.2 Hans Urs von Balthasar Weg und Werk
Von Werner Löser
Am 12. August 1905 wurde Hans Urs von Balthasar in Luzern geboren. Am
26. Juni 1988 ist er in Basel gestorben, wenige Tage später in Luzern beigesetzt.
Er gilt für das 20. Jahrhundert neben Karl Rahner als einer der bedeutendsten
Theologen der katholischen Kirche. Wer war er? Welche Anliegen hat er ver-
treten, welche Einsichten kommen in seinen Werken zur Sprache?
Lebensstationen
Von Balthasar entstammte einer alten katholischen Familie seiner Heimatstadt.
Schon früh richtete sich sein Interesse auf die Literatur und die Musik. Nach
der Gymnasialzeit, die er bei den Benediktinern in Engelberg und dann bei den
Jesuiten in Feldkirch verbrachte, studierte er in Zürich, Berlin und Wien Ger-
manistik und Philosophie – 1923 bis 1929. Begegnungen mit Romano Guardini,
Rudolf Allers, Hans Eibl und anderen haben ihn damals beeindruckt. Er schloss
seine Studien mit dem Doktorexamen ab. Seine Doktorarbeit trägt den Titel
„Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Lite-
ratur<
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. Während der Studienjahre nahm von Balthasar mit Freunden an igna-
tianischen Exerzitien teil. Damals fasste er den Entschluss, nach Abschluss der
Studien in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Später hat er mehrfach mitgeteilt,
dass die ihm zuteilgewordene Berufung nicht nur für seinen weiteren Lebens-
weg, sondern auch für Grundoptionen seines Denkens von ausschlaggebender
Bedeutung gewesen sei. Nach dem zweijährigen Noviziat in Feldkirch folgte ein
zweijähriges Philosophiestudium in Pullach (bei München, Berchmanskolleg).
In diesen Jahren war ihm der Kontakt zu Erich Przywara wichtig. Dann ging
er für vier Jahre zum Theologiestudium nach Lyon – 1933 bis 1937. Damals
nahm sich vor allem Henri de Lubac seiner an. Daraus entstand eine lebens-
lange und tiefe Freundschaft. 1936 empfing von Balthasar in München durch
Kardinal Faulhaber die Priesterweihe. Es folgte ein zweijähriges Zwischenspiel
in München, wo er in der Redaktion der „Stimmen der Zeit< mitarbeitete. Bald
danach überließen ihm seine Oberen die Entscheidung, ob er für die Zukunft
einen Lehrstuhl für Dogmatik an einer theologischen Fakultät, konkret: an
der römischen Universitas Gregoriana, übernehmen oder lieber die Stelle des
Studentenpfarrers in Basel antreten wolle. Er entschied sich für das Zweite
– sicherlich nicht, weil er sich von der heimatlichen Schweiz nicht trennen
mochte, sondern weil er als Studentenpfarrer seine persönlichen Schwerpunkte
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würde besser zum Tragen bringen können. Zum einen würde er – ungebunden
durch die regelmäßigen Lehrverpflichtungen im Rahmen eines festen Trak-
tatsystems – den willkommenen Freiraum haben, um die inzwischen gewach-
senen theologischen Überzeugungen weiterzuentfalten und in Wort und Schrift
weiterzugeben, zum anderen würde er zu einer lebendigen geistlichen Praxis
für sich und mit anderen stärker herausgefordert sein und Gelegenheit haben.
Gerade dies war ihm wichtig, weil sich so seine Theologie, die immer auch
geistliche Theologie zu sein beabsichtigte, darstellen und bewähren konnte.
Die damalige Entscheidung bedeutete eine Weichenstellung. Die folgenden
Jahre waren durch vielfältige studentische und akademische Aktivitäten ge-
prägt. Zahlreiche Kontakte ergaben sich, u. a. und vor allem zu Karl Barth und
Adrienne von Speyr.
Das Gespräch mit Karl Barth war nicht ohne Einfluss auf die Themenstellung
und die Ausrichtung der Theologie von Balthasars und führte später zur Ab-
fassung der großen Monografie „Karl Barth. Darstellung und Deutung seiner
Theologie<.
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In der Weite und der Tiefe ihrer theologischen Gedanken sind sie
einander verwandt. Adrienne von Speyr war für den Lebensweg von Balthasars
von ausschlaggebender Bedeutung. Adrienne von Speyr, Ehefrau zunächst von
Emil Dürr, sodann nach dessen Tod von Werner Kaegi, Ärztin, gehörte von Haus
aus der reformierten Kirche ihres schweizerischen Kantons an. Sie beabsichtigte
jedoch, sich der katholischen Kirche anzuschließen. Sie kam gleich 1940 mit dem
neuen Basler Studentenpfarrer ins Gespräch, er möge sie bei ihrer Konversion be-
gleiten. Aus diesen ersten Kontakten ergaben sich ungezählte Gespräche, die bis
zu Adrienne von Speyrs Tod im Jahre 1967 nicht abbrachen. Adrienne von Speyr
lebte vieles von dem, was von Balthasar in seinem Nachdenken über Fragen der
christlichen Spiritualität wichtig war, besonders das Motiv der Nachfolge Christi
mitten in der Welt, in Familie und Beruf. Diese Gespräche führten in der Mitte
der 40er-Jahre zur Gründung eines Säkularinstituts, der „Johannesgemeinschaft<.
In seinem Buch „Erster Blick auf Adrienne von Speyr<
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sowie in seinen späteren
Mitteilungen in „Unser Auftrag<
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hat von Balthasar Einblick in ihren Lebensweg
und ihre Sendung gegeben.
1950 verließ von Balthasar den Jesuitenorden, nachdem sich eine Übereinkunft
bezüglich seiner Rolle in der von ihm zusammen mit Adrienne von Speyr
geleiteten „Johannesgemeinschaft< mit den Verantwortlichen seines Ordens
nicht hatte erzielen lassen. Von Balthasar hat diesen Schritt später als nicht
vermeidbar bezeichnet. Gleichwohl hat er ihn als sehr schmerzlich empfunden.
In der Benediktinerabtei Maria Laach hat er bald darauf – am Aschermittwoch
desselben Jahres – die Gelübde in privater Form abgelegt – in ignatianischem
Westarp Science Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten
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