XIV - 5.1.11 Der Umgang mit Religionen im Religionsunterricht seit den 1970er-Jahren [Dealing with Religions since the 1970s] Udo Tworuschka
Zusammenfassung
Seit den 1990er-Jahren boomt in der Religionspädagogik das „interreligiöse Lernen“. Eine neue Ebene der Diskussion, Aufbrüche, sich mit Religionen im Religionsunterricht auseinanderzusetzen, gab es bereits seit den 1970erJahren. Diese werden von manchen heutigen Nachfahren allenfalls als Vorgeschichte späterer Entwicklungen gewürdigt, während andere - und sie dürften das Recht auf ihrer Seite haben - die Aufbruchsphase der 1970erJahre als integrativen Teil einer kontinuierlichen Gesamtgeschichte begreifen. Viele der heute verhandelten Probleme haben eine zum Teil recht lange Vorgeschichte. Es ist an der Zeit, die vielen Vertreterinnen und Vertreter der Religionen-Didaktik in Erinnerung zu rufen, weil sie in der gegenwärtigen Diskussion über das Interreligiöse Lernen vergessen zu werden drohen - oder bereits vergessen sind. Geschichtlich gewonnene Erkenntnisse, die früher hart umkämpft waren und inzwischen Allgemeingut darstellen bzw. gar als Innovationen beworben werden, sollen in ihrer geschichtlichen Entwicklung thesenförmig gebündelt werden.
Schlagwörter: Religionspädagogik, „Weltreligionen im Unterricht“, interreligiös, Religionswissenschaft, trialogisches Lernen, Komparative Theologie, Heterogenität, Begegnung, Fremdheit, Konsenshermeneutik, Differenzhermeneutik
Summary
Since the 1990s, „interreligious learning“ has been booming in Religious Education (RE). A new level of discussion, new beginnings, to deal with religions in RE had already existed since the 1970s. Some of today‘s descendants appreciate these at best as a prehistory of later developments, while others
Submitted May 23, 2024, and accepted for publication June 12, 2024 Editor: Martin Rötting
XIV - 5.1.11 Der Umgang mit Religionen im RU seit den 1970er-Jahren
and they probably have the right on their side - see the awakening phase of the 1970s as an integrative part of a continuous overall history. Many of the problems discussed today have a long history. It is time to remember the many representatives of religion didactics, because they are in danger of being forgotten - or have already been forgotten - in the current discussion about interreligious learning. Historically gained knowledge, which used to be fiercely contested and now represents common property or is even advertised as innovations, is to be bundled in the form of theses in their historical development.
Keywords: Religious Education, ”World Religions in the classroom”, interreligious, Religious Studies, Trialogical Learning, Comparative Theology, heterogeneity, encounter, foreignness, consensus hermeneutics, difference hermeneutics
_**Dietrich Zilleßen gewidmet - dem großen religionspädagogischen Anreger.**_
I. Linien und Erträge der 1970/80er-Jahre
Die Geschichte des interreligiösen Lernens im Christentum beginnt nicht erst an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert, sondern reicht bis in die Anfänge des Christentums zurück. Den Diskussionen der letzten Jahrzehnte liegen häufig Argumentationsmuster zugrunde, die alte Kontroversen widerspiegeln: ob , und wenn ja, wozu und wie man mit Religionen, zu denen man sich nicht bekennt, religionspädagogisch verantwortlich umgeht. Die Forderung nach einer Öffnung des Religionsunterrichts für Inhalte der allgemeinen Religionsgeschichte wurde in der Geschichte immer wieder von außen an das Fach herangetragen, wobei häufig kirchen- und religionskritische Motive dominierten. Viele der im 20. und 21. Jahrhundert verhandelten Probleme haben eine zum Teil recht lange Vorgeschichte. Eine ausführliche Darstellung dieser Geschichte findet sich in den beiden Bänden meines Buches „Religionen im Unterricht“.1
1. In ihrer religionspädagogischen Dissertation aus dem Jahre 2017 kam Stefanie Boll zu der Erkenntnis, dass die Weltreligionendidaktik, Didaktik der Weltreligionen und interreligiöses Lernen die „kontinuierliche Weiterentwicklung eines langjährig beschriebenen religionsdidaktischen Ansatzes“ darstellen, den Boll als „interreligiöses Lernen“ bezeichnet.
„Zwar tauchte die Begrifflichkeit des ,Interreligiösen Lernens‘ erst um die 1990er Jahre für ebendiesen Ansatz auf […], doch unter anderen Begrifflichkeiten […] wurde bereits Anfang der 1970er Jahre der Grundstein für das, was heute unter dem Terminus technicus `Interreligiöses Lernen` zu verstehen ist, gelegt.“2
2. Bis weit in die 1960er-Jahre hinein wurden Religionen im Religionsunterricht (RU) beider Konfessionen primär unter bildungsmäßigen, apologetischen, kerygmatischen oder pastoralen Gesichtspunkten thematisiert. Anfang der 1960er-Jahre erschienen vereinzelt Arbeiten zum Thema Weltreligionen im Religionsunterricht ( Karl Ernst Nipkow, Heinz Röhr und Gert Otto). Gegen Ende dieses Zeitraums gerieten die Wirklichkeit der Schüler, Welt und Gesellschaft stärker in den Blick.
3. In der religionspädagogischen Diskussion um Religionen ist außerdem auf eine früh beginnende Traditionslinie aufmerksam zu machen, die Berührungspunkte zur Religionen-Didaktik aufweist: …
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Der vollständige Artikel umfasst 23 Seiten
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