Im Auge des hermeneutischen Sturms XIV - 5.1.2.10
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 82. EL 2024 1
ZusammenfassungZusammenfassung
In diesem interdisziplinären Beitrag untersuchen wir, wie die mittelalterliche
mystische Theologie den Religionslehrenden bei ihrer Arbeit im Klassen-
zimmer helfen kann, die Spannung zwischen religious literacy und reli-
giöser Erfahrung zu verstehen bzw. auszuhalten. Wir interpretieren diese
Spannung neu, indem wir uns auf eine erfahrungsorientierte statt auf eine
kognitiv-konzeptionelle Theologie stützen. Zunächst beschreiben wir die
Spannung zwischen religious literacy und religiöser Erfahrung im aktuellen
religionspädagogischen Diskurs. Anschließend kommentieren wir den „her-
meneutischen Sturm“ im Klassenzimmer, eine Metapher zum Verständnis
der Komplexität des Lernprozesses im Kontext der Reibung zwischen der
Welt des theologischen Curriculums und der Lebenswelt von SchĂĽler*innen.
Lehrer*innen mĂĽssen in diesem Konflikt als wounded healer (Carl-Gustav
Jung) standhaft bleiben. Drittens stellen wir die mittelalterliche Mystik als
Bezugsrahmen fĂĽr Lehrer*innen vor, um mit dieser Situation umzugehen,
die den modernen Drang nach rationaler Kontrolle herausfordert. Wir erör-
tern den historischen Kontext der Demokratisierung der mystischen Theolo-
gie, die verschiedenen Gattungen und die verkörperte und einbildungskräfti-
ge Sprache, die Mystiker*innen verwenden, um ihre SchĂĽler*innen in ihrer
persönlichen Entwicklung zu begleiten. Dazu wird Hadewijchs mystische
Erfahrung als Wechselspiel zwischen Liebe und Vernunft als Beispiel he-
rangezogen. Und zum Schluss diskutieren wir die These, ob die mystische
Theologie heutigen Religionslehrenden Einblicke in die „verborgene Ge-
genwart Gottes“ bieten kann, wenn sie mit hermeneutischen Stürmen im
Klassenzimmer konfrontiert sind und „mittendrin“ und „bottom up“ versu-
chen, eine gemeinsame Grammatik fĂĽr das Verstehen von unterschiedlichen
„muttersprachlichen“ religiösen Erfahrungen didaktisch zu entwickeln.
XIV - 5.1.2.10 Im Auge des hermeneutischen Sturms.
Mystische Theologie im Gespräch mit der
Religionspädagogik
[In the eye of the hermeneutical storm. Mystical
theology in dialogue with Religious Pedagogy]
Bert Roebben & Sander Vloebergs
Submitted July 27, 2024, and accepted for publication September 13, 2024
Editor: Maike Maria Domsel
--- Seite 1 Ende ---
XIV - 5.1.2.10 Im Auge des hermeneutischen Sturms 2© Westarp Science Fachverlag
SummarySummary
In this interdisciplinary paper, we explore how medieval mystical theolo-
gy can help religious educators understand, or rather endure, the tension
between religious literacy and religious experience in their work in the
classroom. We reinterpret this tension by drawing on an experiential rather
than a cognitive-conceptual theology. First, we describe the tension between
religious literacy and religious experience in current religious education
discourse. We then comment on the „hermeneutic storm“ in the classroom,
a metaphor for understanding the complexity of the learning process in the
context of the friction between the world of the theological curriculum and
the lifeworld of students. Teachers must stand firm as „wounded healers“
(Carl-Gustav Jung) in this conflict. Third, we present medieval mysticism as
a frame of reference for teachers to deal with this situation, which challenges
the modern urge for rational control. We discuss the historical context of the
democratization of mystical theology, the different genres and the embodied
and imaginative language that mystics use to accompany their students in
their personal development. Hadewijch’s mystical experience as an interplay
between love and reason is used as an example. Her theology can offer to-
day’s religious educators insights into the „hidden presence of God“ when
they are confronted with hermeneutical storms in the classroom and try to
develop a common grammar for understanding „mother tongue“ religious
experiences „bottom up“.
KeywordsKeywords
Mystical theology, teacher education, religious education, religious literacy,
religious experience, interdisciplinarity, performative learning, Hadewijch.
SchlagwörterSchlagwörter
Mystische Theologie, Religionslehrer*innen, Religionsunterricht, religious
literacy, religiöse Erfahrung, Interdisziplinarität, performatives Lernen,
Hadewijch
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Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten
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