Steffens, Krise(n) als Leitkonzept religiöser Bildung?!

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Krise(n)[1] als Leitkonzept religiöser Bildung?! Möglichkeiten der (Persönlichkeits-) Entwicklung im Kontext eines krisensensiblen Religionsunterrichts [Crisis(es) as a guiding concept of religious education? Possibilities of (personality) development in the context of crisis-sensitive religious education] Maurice Steffens Zusammenfassung Krisen stellen menschliche Erfahrungen und Sicherheiten grundlegend infrage und fokussieren die Suchbewegungen des Individuums nach möglichen Antworten auf die Fragen des Woher, Wohin und Wozu. Religiöse Bildung zieht sich durch alle Bildungs- und Lebensbereiche und bildet einen wesentlichen Grundbaustein zur Orientierung in der Welt und der Entwicklung und Stärkung der eigenen Persönlichkeit. Vor diesem Hintergrund stellt sich dieser Beitrag die Frage, welche Möglichkeiten und Grenzen zur Persönlichkeitsentwicklung ein krisensensibler Religionsunterricht bieten kann. Hierzu wird der vorliegende Beitrag zunächst das Krisenhafte in der Religion erläutern, bevor vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftspolitischen und gesellschaftsspirituellen Situation Aufgabe, Gestaltung und Grenzen eines krisensensiblen Religionsunterrichts beschrieben werden. Auch sollen bei dieser konzeptuellen Erörterung die Rolle der Lehrperson sowie das Lerntagebuch als methodisch-didaktisches Element des Unterrichtes erörtert werden. Schlagwörter: krisensensibler Religionsunterricht, Ohnmachtserleben, Dilemmakompetenz, Persönlichkeitsentwicklung, Lerntagebuch Submitted August 23, 2024, and accepted for publication December 30, 2024 Editor: Maike Maria Domsel Summary Crises fundamentally question human experiences and certainties and focus on the individual’s search for possible answers to the questions of “Where from?”, “Where to?” and “What for?”. Religious education runs through all areas of education and life and forms an essential educational area for orientation in the world and the development and strengthening of one’s own personality. Against this background, this article poses the question of which opportunities and limits a crisis-sensitive religious education program can offer for personal development. To this end, this article will first explain the crisis nature of religion before describing the task, design, and limits of crisis-sensitive religious education against the background of the current socio-political and socio-spiritual situation. The role of the teacher and the learning diary as a methodological and didactic element of teaching will also be discussed in this conceptual discussion. Keywords: crisis-sensitive religious education, experiencing powerlessness, dilemma competence, personal development, learning diary 1 Problemaufriss In den vergangenen drei Jahrzehnten ereigneten sich im Durchschnitt 250- 280 Krisen pro Jahr in den deutschsprachigen Ländern Europas. Hiervon handelte es sich bei ca. 50-60 Fällen pro Jahr um Dimensionen, die zur überregionalen Wahrnehmung in der Presse führten. Gemäß der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement und dem Institut für Krisenforschung in Kiel kann jedoch kein Anstieg von Krisenereignissen in den vergangenen Jahrzehnten verzeichnet werden.2 Gleichsam nehmen viele Menschen die letzten 10 Jahre als besonders krisenintensiv wahr. Gerhard Schulze spricht sogar von der Moderne als einer Kultur der Krisen3 . Was aber kann unter dem Begriff „Krise“ verstanden werden? Als Krise bezeichnet Schulze in diesem Kontext alle Situationen, in denen „Normalitätserwartungen aufgrund von Wiederholungsmustern und -sicherheiten bzw. die Ordnungen des für ‚normal‘ Gehaltenen durchbrochen werden“4 . Dabei stellt sich die Frage, ob es in (post-)modernen Zeiten überhaupt noch so etwas wie eine „Normalität“ geben kann bzw. jemals gegeben hat oder ob vielmehr der ständige Normalitätsbruch zur neuen Normalität wird.5 Das menschliche Leben, im Speziellen das Auf- und Heranwachsen, wird schon seit Längerem von der pädagogischen Anthropologie als im lebenslangen Wandel begriffen und über die Aspekte Fluidität und Fragilität der Identitätswerdung und -entwicklung beschrieben. Ständige Bestrebungen, sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen, fordern somit von jedem Menschen ein hohes Maß an Agilität. Bereits Kinder lernen unsere Welt mit diesen Anpassungsbestrebungen kennen, indem jede neue Erfahrung mit dem bereits vorherrschenden Selbst- und Weltbild abgeglichen werden muss und diese Bilder - je weniger Erfahrungen ein Mensch hat, desto häufiger - neu angepasst werden müssen.6 Derartige Anpassungen, die ein Ausmaß annehmen, in dem sie subjektiv als überfordernd bzw. nicht zu bewältigen wahrgenommen werden, und die somit so gravierend zu sein scheinen, dass sie die Gesamtheit der eigenen Identität infrage stellen bzw. ins Wanken bringen, werden hierbei im alltäglichen Sprachgebrauch als Krise bezeichnet. Sie bilden mithin Kontingenzerfahrungen.7 Andreas Poenitsch nimmt diese subjektive Wahrnehmung als Ausgangspunkt der positiven und ressourcenorientierten Perzeption von Krisen, indem er sie als …
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