Die Psychologie der Wohltätigkeit XIV - 4.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 53. EL 2017 1
XIV - 4.1 Die Psychologie der Wohltätigkeit
Von Markus Paulus
Wohltätiges Verhalten, definiert als das Teilen von Ressourcen mit bedürftigen
Personen, ist eine Tugend in vielen Weltreligionen. Im christlichen Glauben
spielt die Caritas als Ausdruck tätiger Nächstenliebe eine zentrale Rolle. Im
Islam stellt die Zakat (eine obligatorische Abgabe eigener Ressourcen an be-
dürftige Muslime), eine der fünf Säulen dar, während die Sadaqa eine freiwil-
lige Abgabe an alle Bedürftigen bezeichnet. Auch unabhängig von religiösen
Überzeugungen spielt Wohltätigkeit eine Rolle in ethischen Überlegungen über
das rechte Verhalten. Gerade eine Gesellschaft, die die Wohlfahrt nicht allein
staatlichen Institutionen überlassen möchte, ist darauf angewiesen, dass ihre
Bürger wohltätiges Verhalten zeigen.
Wohltätiges Verhalten reiht sich in eine Gruppe von Verhaltensweisen ein,
die im Allgemeinen als prosoziales Verhalten bezeichnet werden. Prosozia-
les Verhalten soll hierbei als jede Verhaltensweise definiert werden, welche
für den Ausführenden mit Kosten (z. B. an materiellen Ressourcen oder Zeit)
einhergeht, einer anderen Person zugutekommt und dem Ausführenden dabei
keine direkten Vorteile erbringt, wie es etwa im Tauschgeschäft der Fall ist.
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Wohltätiges Verhalten, welches primär auf die Abhilfe von Bedürftigkeit aus-
gerichtet ist, lässt sich dabei konzeptuell wie empirisch nicht trennscharf von
anderen prosozialen Verhaltensweisen wie etwa Trösten oder instrumenteller
Hilfe abgrenzen. Als Verhaltensbeschreibung lässt es darüber hinaus die zu-
grunde liegenden Motive offen.
Zusätzlich berührt wohltätiges Verhalten naturgemäß auch Themen rund um
Gerechtigkeit und Moralität, da es einhergeht mit Fragen der ausgleichenden
und sozialen Gerechtigkeit. Höffe
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etwa versteht wohltätiges Verhalten als su-
pererogatorisches, das heißt über die Pflicht hinausgehendes, gutes Handeln.
Die Psychologie wohltätigen Verhaltens weist daher Überschneidungsbereiche
mit der psychologischen Moral- und Gerechtigkeitsforschung auf.
Angesichts der Relevanz wohltätigen Verhaltens hat sich auch die psycholo-
gische Forschung mit diesem Thema beschäftigt. Im Mittelpunkt der in den
unterschiedlichen Subdisziplinen der Psychologie verfolgten empirischen Ar-
beiten stehen dabei Fragen nach den Korrelaten und den psychologischen Wirk-
mechanismen wohltätigen Verhaltens sowie seiner ontogenetischen Ursprünge.
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XIV - 4.1 Die Psychologie der Wohltätigkeit
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Die empirischen Methoden, mit denen wohltätiges Verhalten untersucht wird,
reichen dabei von Interviews, in denen Personen über ihre Einstellungen und
ihr Verhalten in hypothetischen Szenarien berichten, über Verhaltensbeobach-
tungen in natürlichen Kontexten bis zu experimentell kontrollierten Laborstu-
dien, mit deren Hilfe kausale Aussagen über psychologische Zusammenhänge
gewonnen werden sollen.
Im Folgenden soll zuerst ein Überblick über die Ontogenese wohltätigen Ver-
haltens in der frühen Kindheit gegeben werden, bevor der Forschungsstand
zu den unterschiedlichen Mechanismen wohltätigen Verhaltens referiert wird.
Entwicklung wohltätigen Verhaltens
Vorschulalter
Bereits eineinhalbjährige Kinder zeigen eine Reihe prosozialer Verhaltens-
weisen wie etwa Trösten oder Helfen (siehe für eine Übersicht
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). Ab etwa zwei
Jahren beginnen Kinder, die Bedürftigkeit einer anderen Person zu berücksich-
tigen und dieser Ressourcen zuzuteilen. Zwar gibt es empirische Befunde, dass
auch jüngere Kinder Ressourcen an andere Personen abgeben, jedoch geschieht
dies nur in Situationen, in denen die andere Person das Kind zum Abgeben
auffordert, z. B. durch eine ausgestreckte Hand.
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Dementsprechend lässt sich
das kindliche Verhalten eher als Folgsamkeit gegenüber einer Aufforderung
denn als wirkliches Teilen interpretieren.
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Eine wegweisende Studie zur frühen Entwicklung des Teilens stammt von
Brownell und Kollegen.
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In dieser Studie konnten 18 und 24 Monate alte Kin-
der in einem spielerischen Kontext eine von zwei Optionen wählen, indem sie
einen von zwei Hebeln betätigten. Die eine Option brachte sowohl ihnen als
auch einer anderen Person einen Snack (z. B. einen Keks), die andere Option
führte dazu, dass nur sie einen Snack bekamen, während die andere Person leer
ausging. Es zeigte sich, dass die 24 Monate alten, nicht jedoch die 18 Monate
alten Kinder systematisch die Option wählten, die auch der anderen Person
etwas Gutes brachte. Dies war jedoch nur der Fall, solange die andere Person
ihr Bedürfnis deutlich äußerte (z. B. durch Aussagen wie „Ich mag Kekse. Ich
hätte auch gerne einen Keks.“). Falls die Person ihr Bedürfnis jedoch nicht
deutlich kommunizierte, zeigten die 24 Monate alten Kinder keine Tendenz,
systematisch die Option zu wählen, die auch für die andere Person von Vorteil
war. Die 18 Monate alten Kinder zeigten keinerlei Tendenz, die andere Person
in ihrem Verteilverhalten zu berücksichtigen, selbst wenn diese ihr Bedürfnis
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Der vollständige Artikel umfasst 18 Seiten
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