Neu, Religion in der Kunsttheorie der Frühromantik

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XIV - 1.4 Religion in der Kunsttheorie der Frühromantik (Wilhelm Wackenroder und Ludwig Tieck) [Religion in the Art Theory of Early Romanticism (Wilhelm Wackenroder and Ludwig Tieck)] Von Rainer Neu Zusammenfassung In der Spätphase der Aufklärung setzen sich die hellsten Köpfe der jungen Generation - ernüchtert vom blutigen Ausgang der Französischen Revolution und erschrocken aufgewacht aus der Illusion, der konsequente Gebrauch der Vernunft würde die menschlichen Lebensbedingungen zum Guten wenden - für eine Reha bilitierung der Fantasie, der Kunst und der Religion ein. Unter ihnen Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck, zwei ehemalige Schulfreunde aus Berlin, die im Sommer 1793 Wanderungen durch das Frankenland unternehmen. Dabei ent decken sie die Schönheiten deutscher Mittelgebirge, mittelalterlicher Städte, Bur gen und Kirchen und die bedeutenden Leistungen spätmittelalterlicher Künstler, die in der Aufklärung verkannt wurden. In ihren begeisterten Begegnungen mit Natur und Kunst wird den beiden Freunden die Gegenwart des Unendlichen im Endlichen bewusst. Während sich die mittelalterlichen Künstler an die Ordnungen Gottes hielten, streben die modernen Künstler nach Selbstverwirklichung, Autono mie und Freiheit und versinken in Melancholie und „Weltschmerz“. Dagegen setzt Wackenroder die Theorie der drei Sprachen. Da ist zunächst die „Sprache der Worte“, die der rationalen Verständigung dient. Dann gibt es die „Sprache der Natur“, die dem Menschen die Erfahrung göttlicher Schöpferkraft ermöglicht. Und schließlich ist da die „Sprache der Kunst“, die zwischen den beiden anderen Sprachen vermittelt und über das sinnlich Wahrnehmbare hinausweist und somit dem Menschen die Möglichkeit einer Transzendenzerfahrung bietet. Schlagwörter: Frühromantik, Wilhelm Heinrich Wackenroder, Ludwig Tieck, Kunsttheorie, Theorie der drei Sprachen, das Unendliche im Endlichen Submitted May 25, 2021, and accepted for publication August 23, 2021 Editor: Sybille Fritsch-Oppermann Summary In the late stage of the age of Enlightenment the brightest minds of the young generation - shaken by the bloody outcome of the French Revolution and disillusioned from the illusion that the consistent use of reason would change human living conditions for the better - stand up for a rehabilitation of imagination, art and religion, among them Wilhelm Heinrich Wackenroder and Ludwig Tieck, two former school friends from Berlin, undertaking hikes through the Franconian region in the summer of 1793. They are discovering the beauty of German hill countries, medieval towns, castles and churches, and the outstanding achievements of late medieval artists who were little appreciated in the age of Enlightenment. In their enthusiastic encounters with nature and art, the two friends become aware of the presence of the infinite in the finite. While medieval artists adhered to divine orders, modern artists strive for self-realization, autonomy and freedom, sinking into melancholy and “world-weariness”. In contrast, Wackenroder develops the theory of the three languages. First there is the “language of words”, which serves rational understanding. Then there is the “language of nature”, which enables man to experience God’s creative powers. And finally, there is the “language of art”, which mediates between the other two languages and points beyond the sensually perceptible, thus offering man the possibility of a transcendental experience. Keywords: Early Romanticism, Wilhelm Wackenroder, Ludwig Tieck, Art Theory, The Theory of the Three Languages, The Infinite in the Finite 1 Das Licht der Aufklärung verblasst Das Licht der Aufklärung verliert gegen Ende des 18. Jahrhunderts an Glanz. Der Glaube an die Durchsichtigkeit, Berechenbarkeit und Gestaltbarkeit der Welt ist in eine Krise geraten, das pragmatisch-rationalistische Pathos der Vorhersehbarkeit und Planbarkeit hat an Überzeugungskraft verloren. Die letzten Jahre dieses „aufge klärten“ Jahrhunderts werden von Wirtschaftskrise und Krieg begleitet. Kann man den ersten Akt der Französischen Revolution noch mit Hegel als Tat der Vernunft und Tri umph des Gedankens verstehen, lässt der zunehmende Terrorismus der Jakobiner eher die dunkle Natur des Menschen als den hellen, planenden Verstand zum Durch bruch kommen. Dabei hatte das 18. Jahrhundert der westlichen Zivilisation zunächst eine anhaltende Phase des Aufschwungs beschert. Die Philosophie, Literatur, Künste, die frühen Naturwissenschaften und die Umsetzung ihrer Erkenntnisse in technische Errungenschaften erreichten eine Blütezeit. In Berlin versuchten Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Moses Mendelssohn (1729-1786) und Friedrich Nicolai (1733-1811) die selbstbewusst gewordene Kraft der menschlichen Vernunft von den Fes seln der Tradition und der willkürlichen Autorität eines absolutistischen Zeitalters zu befreien und eine Atmosphäre der Humanität und Toleranz zu verbreiten. Doch das Vertrauen in das aufgeklärt-kritische Denken der philosophischen Übervä ter von Descartes bis Kant und in …
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