Religion und Vorurteile - empirische Zusammenhänge über individuelle Einstellungsmuster
Von Beate Küpper und Andreas Zick
Einleitung
Werte der Nächstenliebe und Barmherzigkeit, wie sie das Christentum und andere Religionen für sich beanspruchen, scheinen unvereinbar mit der Abwertung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Zuweisung zu einer sozialen Gruppe. Dennoch finden sich neben vielen beeindruckenden Beispielen der Nächstenliebe auch viele historische und aktuelle Beispiele für eine solche Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausgehend von religiösen Menschen und unter Bezug auf die Religion gegenüber Anders- und Nicht-Gläubigen, aber auch gegenüber vielen weiteren sozialen Gruppen. Sie beginnt bei abwertenden Einstellungen und ausgrenzenden Verhaltensweisen im Alltag, setzt sich fort in privilegierenden und diskriminierenden Regelungen von Institutionen, zementiert sich in den geschaffenen Strukturen von Organisationen und Gesellschaft, und kann im schlimmsten Fall in Verfolgung und Gewalt münden. Pogrome gegen Juden, Hexenverfolgung, Kreuzzüge gegen Andersgläubige, Verurteilung von homosexuellen Menschen, christlich legitimierter Entzug von Kindern indigener Völker […] all dies sind besonders krasse Beispiele davon. Aktuell wird unter dem Vorwand, das christliche Abendland zu verteidigen, Hetze und Ausgrenzung gegenüber Menschen - in diesem Fall Muslime und Flüchtlinge - betrieben, aber auch gegen sexuelle Vielfalt und die Gleichstellung von Frauen Stimmung gemacht. Repräsentative Meinungsumfragen belegen ein nach wie vor hohes Ausmaß menschenfeindlicher Einstellungen in der Bevölkerung. So stimmten z. B. im Jahr 2014 37 % der Deutschen der Aussage zu „Es leben zu viele Ausländer in Deutschland“, 38 % vermuten „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“, 40 % sind überzeugt „wer schon immer hier lebt, sollte mehr Rechte haben als die, die später zugezogen sind“, 14 % meinten „Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss“, 31 % befürworteten „bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden“, 18 % fanden „Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen“ und 12 % meinten „Homosexualität ist unmoralisch“.1 Sind diese menschenfeindlichen Einstellungen auch unter religiösen Menschen verbreitet?
Der vorliegende Beitrag berichtet über empirische Zusammenhänge zwischen Religion bzw. Religiosität und Vorurteilen als Elemente einer Gruppenbezo-
genen Menschenfeindlichkeit. Bereits Gordon Allport (1897-1967), der als Begründer der modernen Vorurteilsforschung gilt, war von der hier untersuchten Fragestellung angetrieben und bilanzierte, Religion befördere Vorurteile, könne aber auch vor ihnen schützen: „The role of religion is paradoxical. It makes prejudice and it unmakes prejudice.“2 Der Beitrag bietet eine sozial- bzw. religionspsychologische Perspektive auf das Thema an, die auf die individuellen Einstellungen von Personen fokussiert; die Religionszugehörigkeit bzw. die Religiosität werden hier üblicherweise über die Selbsteinschätzung erfasst.3 Neben Befunden aus Studien anderer AutorInnen werden eigene Ergebnisse aus der Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (2002-2011; im Weiteren abgekürzt als GMF-Studie) und der Studie „Fragile Mitte“ (2014) ergänzt; beide Studien wurden vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld durchgeführt; einige Analysen wurden bereits an anderer Stelle publiziert, andere eigens für diesen Beitrag durchgeführt.4 Zunächst wird in einem kurzen Abriss in das Thema „Vorurteile“ und „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ eingeführt.
Vorurteile als Elemente einer Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit
Die eingangs zitierten abwertenden Einstellungen gegenüber Menschen aufgrund ihrer zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit werden in der sozialpsychologischen Forschung als Ausdruck von Vorurteilen verstanden.5 Im folgenden Abschnitt werden der Prozess der Vorurteilsbildung, offene und subtile Ausdrucksweisen von Vorurteilen und Vorurteile als Elemente eines Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie das gleichnamige Projekt skizziert.
_Der Weg zum Vorurteil_
Menschen werden dabei anhand eines Merkmals wie Nationalität, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Geschlecht, sexuelle Orientierung, einer Behinderung usw. kategorisiert, mit Stereotypien über das, was für diese Gruppe vermeintlich „typisch“ ist belegt und auf dieser Grundlage als besser und schlechter bewertet.6 Für diesen Prozess der Vorurteilsbildung ist es unerheblich, ob eine Person tatsächlich das jeweilige Merkmal trägt (z. B. „Ausländer“, „jüdisch“ oder „homosexuell“ ist) oder sich mit der ihr zugewiesenen Gruppe identifiziert (z. B. besonders religiös ist). Vorurteile bilden sich in der Wahrnehmung und Kognition derjenigen, die sie haben - und nur die wenigsten Menschen sind frei von jeglichen Ressentiments. Vorurteile sind nicht einfach nur vorschnelle
Urteile, sondern der Definition nach eine unangemessene Verallgemeinerung auf alle Personen, die einer jeweiligen sozialen Gruppe zugewiesen werden. Sie sind resistent gegenüber neuen, abweichenden Informationen, die, wenn sie überhaupt …
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Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten
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