Identität und Kommunikation XIII - 1.3
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 42. EL 2014 1
XIII - 1.3 Identität und Kommunikation
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Von Hamid Reza Yousefi
Die Frage nach Identität spielt seit jeher eine existenzielle Rolle im mensch-
lichen Leben. Es ist kaum denkbar, dass ein Mensch keine kulturelle oder
religiöse Verankerung sucht. Identität ist Kompass und Orientierung zugleich.
Wo und in welcher Richtung sich der Mensch auch immer bewegt, trägt er seine
Identität in seinem kulturellen Rucksack. Legt er diesen ab oder verliert er ihn,
so wird er von einer Selbstentfremdung heimgesucht. Identität ist nicht nur ein
Bestandteil der Selbstbestimmung der Individuen, sondern auch die Grundlage
menschlicher Begegnung.
Identität steht stets mit Kommunikation in einem reziproken Wirkungszusam-
menhang, weil jedes Individuum seine eigene Charakterstruktur hat, die in der
Kommunikation wirksam ist. Es gibt durchaus Menschen, die eine totalitäre,
autoritäre, extrovertierte oder introvertierte Charakterstruktur haben. Es gibt
auch Menschen, die mutig oder ängstlich sind. Zweifelsohne wirkt sich dies
auf die zwischenmenschliche Kommunikation aus. Insofern sind menschliche
Handlungsmotive nicht nur durch biologische Gegebenheiten, sondern viel-
mehr durch äußere Reize und vor allem ihre Lebensgeschichte, ihre Biografie
bestimmt. Alle diese Charaktere haben stets eine religiöse, kulturelle oder eth-
nische Färbung, die identitätsstiftend ist.
Was aber ist die Identität? Wir alle brauchen Heimat und Beheimatung. In
dem Ausdruck „Heimat< steckt eine emotionale Welt, eine Art „Sehnsucht<,
die uns im tiefsten Inneren bewegt und uns Orientierung gibt. Sie ruft in uns
etwas Vertrautes hervor, wie Kindheitserinnerungen, Orte und Erfahrungen,
mit denen wir uns identifizieren, Lebenswege, in denen Sitten und Gebräuche,
Ironie und Humor, Sprache und Musik sowie Religion und Tradition zusam-
menfließen und Identität stiften.
Jeder kennt also auf seine Weise das Gefühl des Heimwehs und Verlassenseins.
Schon Kinder im Kindergarten sagen: „Ich will heim.< Auch Patienten im Kran-
kenhaus äußern stets den Wunsch, heimgehen zu wollen. Selbst im Urlaub sagen
Erwachsene oder Kinder nach einiger Zeit: „Ich will heim.< Dieser Ausdruck
eines sehnsüchtigen Verlangens nach dem Zuhause-haben-wollen begleitet den
Menschen während der gesamten Spanne seines Lebens. Er verweist auf eine
wesentliche Komponente der menschlichen Identität.
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XIII - 1.3 Identität und Kommunikation
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Die folgende Geschichte mag die existenzielle Bedeutung von Identität vor
Augen führen. Wir kennen das Theaterstück „Andorra< von Max Frisch. Das
Buch besteht aus einer Reihe zusammenhängender Dimensionen, die den Leser
teilweise in Angst und Schrecken zurücklassen, ihm aber auch die Hoffnung
schenken sollen, nach vorne zu blicken: Es geht um einen Jungen namens An-
dri, der von den Einwohnern Andorras diskriminiert wird. Die Dorfbewohner
projizieren all ihre negativen Eigenschaften auf diesen Jungen. Die Bedrohung
durch die „Schwarzen<, also die Spanier, wächst in Andorra, einem Kleinstaat
in den Pyrenäen zwischen Spanien und Frankreich, zunehmend. Ein Lehrer
hat mit einer Spanierin ein Kind, was allerdings als schändlich in diesem Dorf
angesehen wird. Aus Feigheit überlegt sich der Lehrer eine Lüge und gibt seinen
eigenen Sohn Andri für einen Juden aus. Niemandem sagt er die Wahrheit, auch
nicht seinem Sohn.
Dies führt zu dessen Ausschluss bei den Dorfbewohnern, die ihn wegen seines
angeblichen Judenseins hänseln. Bald glaubt Andri selbst an diese Geschichte
und hängt sich den Rucksack um, der ihn zum Juden macht. Die Bewohner
Andorras begegnen ihm gerade wegen dieses Rucksackes, der ihm seine Iden-
tität manifestiert, permanent mit Argwohn. Durch all dies ist er schließlich so
geprägt, dass er, obschon er durch den Pfarrer erfährt, doch kein Jude zu sein,
an der ihm zugewiesenen jüdischen Identität festhält und später ermordet wird.
Max Frisch führt uns vor Augen, wie lebensnotwendig Identität und der eigene
kulturelle Rucksack für den Menschen ist. Der Mensch will wissen, auf wel-
chem Boden er steht und welcher sozialen Umwelt er angehört. Andri leidet
zeit seines Lebens unter einer Identitätskrise. Er fühlt sich betrogen und seiner
Identität beraubt. Max Frisch setzt der interkulturellen Reflexion ein Denkmal,
nämlich der Frage, warum der Kommunikation stets die Klärung dessen vor-
ausgeht, was Identität für das Eigene und das Andere bedeutet.
In der Tat kann eine Identitätskrise zur Frage von Leben und Tod werden. Fol-
gende Parabel möge dies noch vertiefen: Es geht um einen Jungen namens José.
Er verliert seine Eltern, wird von einer Pflegefamilie weit außerhalb wohlwol-
lend aufgenommen. Nach langen Jahren kehrt er in seinen Heimatort zurück.
Voller Hoffnung und Freude, die Familie wiederzusehen, klingelt er. Seine
Schwester, die er noch lebendig in Erinnerung zu haben glaubt, macht die Tür
auf: „Ich bin José, erinnerst du dich an mich? Hier in diesem Garten haben wir
mit Melissa und anderen gespielt.<
Westarp Science Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 8 Seiten
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