Ethik der Konfessionen und Religionen in DeutschlandXIII - 1.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 56. EL 2018 1
XIII - 1.1 Ethik der Konfessionen und Religionen in
Deutschland – Zur Einführung
Von Martin Leiner / Christine Schliesser
Zusammenfassung
Der Artikel „Ethik der Konfessionen und Religionen. Zur Einführung“ ver-
mittelt einen Überblick über zentrale Themen an der Schnittstelle von Ethik
und Religion. Einführend werden Gründe dafür benannt, dass die Ethik bzw.
ethische Fragestellungen gegenwärtig geradezu eine Hochkonjunktur erleben.
In einem zweiten Schritt wird der Zusammenhang von Ethik und Religion
beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass religiöse und weltanschauliche Überzeu-
gungen einen Einfluss darauf haben, was als richtig oder gut angesehen wird.
In einem dritten Schritt erfolgt die Klärung zentraler Begriffe, darunter Reli-
gion, Ethik, Ethos und Moral. Anschließend werden unterschiedliche ethische
Methoden erläutert wie die deskriptive Ethik, die normative Ethik und die
Metaethik. Ein fünfter Teil vermittelt einen Überblick über die wichtigsten
normativen Theorien, die Pflichtethik, die Güterethik und die Tugendethik.
Auch der Doppelcharakter der Ethik als philosophische und theologische
Disziplin wird bedacht, bevor abschließend das Verhältnis von theologischer
Ethik und Dogmatik zur Sprache kommt.
Schlagwörter
Ethik, Religion, Ethos, Moral, deskriptive Ethik, normative Ethik, Metaethik,
Pflichtethik, Güterethik, Tugendethik
Summary
The article “Ethik der Konfessionen und Religionen. Zur Einführung”
(“Ethics of Denominations and Religions. An Introduction”) provides an
overview of central topics at the intersection of ethics and religions. In a
first part, the authors discuss reasons for the current boom of ethics and
ethical questions, respectively, before they clarify the connection between
ethics and religion. A third part yields the definition of central terms such
as religion, ethics, ethos and morality. This is followed by the discussion
of different methods in ethics, namely descriptive ethics, normative ethics
and metaethics. In a fifth part, the authors identify and illuminate funda-
mental normative theories such as duty ethics, ethics of goods and virtue
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XIII - 1.1Ethik der Konfessionen und Religionen in Deutschland
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ethics. Afterwards, the focus turns to the double character of ethics as both
a philosophical and a theological discipline. A critical examination of the
relationship between theological ethics and dogmatics ends this contribution.
Keywords:
Ethics, denominations, religion, ethos, morality, descriptive ethics, normative
ethics, metaethics, duty ethics, ethics of goods, virtue ethics
1. Einleitung
1.1 D
Der Philosoph Walter Schulz schrieb im Jahr 1972: „Die ethische Fragestellung
scheint gegenwärtig […] für das allgemeine Bewusstsein nicht mehr vorrangig
zu sein. Dies hat einen bestimmten Grund. Die Verwissenschaftlichung hat
sich auf dem Gebiet der Anthropologie dahin ausgewirkt, dass Fragen, die
früher dem ethischen Bereich zugerechnet wurden, jetzt von bestimmten Wis-
senschaften übernommen werden, so vor allem von der Verhaltensforschung,
der Psychologie und den Sozialwissenschaften.“
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Mittlerweile hat sich diese
Einschätzung grundlegend gewandelt. So konstatiert Michael Quante: „Ethik
ist gegenwärtig in aller Munde. Sie füllt Feuilletons, Talk-Shows und gelehrte
Abhandlungen, ruft Ethik-Kommissionen und Ethik-Beiräte hervor.“
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Weit
davon entfernt, obsolet zu sein, hat Ethik nun geradezu Hochkonjunktur.
Hans-Richard Reuter nennt für diesen auffälligen Wandel fünf Gründe und
weist dabei auch auf Querverbindungen zur Religion hin.
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Zunächst nennt er
die Erkenntnis, dass der wissenschaftliche und technische Fortschritt unser
Leben nicht nur verbessern, sondern zugleich elementar bedrohen kann. Man denke dabei nicht nur an neueste Möglichkeiten der gezielten Veränderung des menschlichen Genoms oder der Schaffung einer effizienten Überwachungsge-
sellschaft, sondern bereits an die seit 1945 deutlich werdenden Gefährdungen für das Überleben der Menschheit durch atomare Rüstung und problematische Aspekte der Nutzung von Kernenergie. Die Möglichkeit der Selbstzerstörung
der Menschheit hat eine neue Lage geschaffen. Sie hat die Frage nach dem
Menschen,
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nach den Grenzen seines Handelns und nach der Möglichkeit einer
neuen, globalen Verantwortung in bisher nicht dagewesener Weise gestellt.
Das gestiegene Interesse an Ethik lässt sich hier mit der Frage verbinden, wel-
che Möglichkeiten des Menschen als menschheitszerstörend identifiziert und Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten
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