Rastafarianismus/Rastafari-Bewegung
MATTHIAS PÖHLMANN
Begriff
Bei der Rastafari-Bewegung handelt es sich um eine in den 1930er Jahren auf der Karibik-Insel Jamaika ursprünglich unter Schwarzen entstandene afroamerikanische akephale Neureligion, die seit den 1970er Jahren weltweite Verbreitung gefunden hat. Seit ihren Anfängen vereint sie in sich verschiedene Richtungen und Gemeinschaften. Ihre Anhänger nennen sich Rastafarianer (von engl. Rastafarians) und Rastas . Die Bezeichnung „Rastafari“ bezieht sich auf Ras Tafari Makonnen (1892-1975), der am 02.11.1930 zum Kaiser von Äthiopien, zum „Negusa Nagast“ (amharisch, „König der Könige“), gekrönt wurde. Ras Tafari unterstrich mit diesen Würdentiteln seine Nähe zur Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, die er nachhaltig förderte. Seit seiner Krönung führte er den Ehrentitel „Haile Selassie“, der wörtlich übersetzt „Kraft der Drei - einigkeit“ bedeutete. Als Spezifikum des Rastafarianismus als neureligiöser Bewegung erweist sich die Verschmelzung von traditionell-afrikanischen, messianischen und jüdisch-christlichen Vorstellungen und einer biblizistischen Auslegung der Heiligen Schrift, die vor dem Hintergrund einer spezifischen Geschichtsdeutung der als Sklaven nach Jamaika verschleppten Schwarzafrikaner gelesen wird. Nicht zuletzt die leidvolle Erfahrung mit dem Kolonialismus und die religiöse Deutung der eigenen Gegenwart mit Hilfe afrikanischer und christlicher Glaubensvorstellungen bereiteten in Jamaika wichtige religiöse und ideelle Voraussetzungen für die Entstehung der afroamerikanischen Rasta-Religiosität.
Einflüsse
Für die Ausformung der Rastafari-Bewegung als neureligiöser Bewegung waren vielfältige politische und religiöse Strömungen in Jamaika verantwortlich:
Panafrikanismus: Damit wird die um 1900 in Amerika, Afrika und Europa (v.a. England) unter der schwarzen Bevölkerung auftretende vielschichtige politische Bewegung bezeichnet, die an der durch den Kolonialismus zerstörten kulturellen Identität von Afrikanern festhielt und sie den in der Diaspora lebenden Afroamerikanern neu ins Bewusstsein rief. Die Wiedergewinnung einer transnationalen und -kontinentalen genuin afrikanischen
Identität hatte sich insbesondere die (Wieder-)Herstellung der politischen Einheit Afrikas als Mutterland („Mama Africa“) zum Ziel gesetzt. Die reale wie auch geistige Rückkehr der einst durch den Sklavenhandel Verschleppten nach Afrika wird zum erklärten Ziel.
Ein maßgeblicher Impuls für die Rastafari-Bewegung war der in Kingston/ Jamaika geborene charismatische Führer des schwarzen Nationalismus in den USA, Marcus „Mosiah“ Garvey (1887-1940). Seine afrozentristischen Vorstellungen beeinflussten die Rastas nachhaltig. In Kingston gründete Garvey 1914 die „Universal Negro Improvement Association“ (UNIA). Später wanderte er in die USA aus und gewann dort in den größeren Städten zahlreiche Anhänger. Mit seinen Ideen, die er über eine eigene Wochenzeitung „Negro World“ verbreitete, gelang es ihm, Afro-Amerikaner zu mobilisieren und ihnen ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln. So soll er verheißen haben, dass in Afrika ein schwarzer König gekrönt werde und dann der Tag der Befreiung nahe sei. Ein weiterer Impuls - der Gedanke der Repatriation, d.h. die Rückkehr der einst verschleppten Schwarzen nach Afrika - ging ebenfalls auf Garvey zurück und wurde zu einem prägenden Element in der Glaubensvorstellung der Rastas.
Neben dem Panafrikanismus und der Hoffnung auf Repatriation wurde der sog. Äthiopianismus zum weiteren prägenden Element für die spätere Rastafari-Bewegung: Äthiopien entwickelt sich in dieser Vorstellung zum Synonym für ganz Afrika und zum Inbegriff schwarzen Selbstbewusstseins. Als altes afrikanisches Königreich verfügte Äthiopien über eine der ältesten christlichen Traditionen, die bis ins vierte Jahrhundert zurückreichen. Manche Äthiopisten vermuten in dem afrikanischen Land auch die eigentliche Wiege des Christentums. Nicht zuletzt die Interpretation biblischer Grundlagen in diesem Sinne bestärkte die in der Diaspora lebenden Afrikaner in ihrem Glauben, Äthiopien als ihre eigentliche spirituelle Heimat zu betrachten. Messianische Hoffnungen richteten sich auf einen kommenden Erlöser aus Äthiopien, der die Schwarzen aus ihrer bedrückenden Diaspora-Situa - tion befreien und sie in ihre Heimat zurückbringen würde.
Geschichte
Die von Garvey politisch motivierten Hoffnungen sahen die ersten RastafariStraßenprediger, die Anfang der 1930er Jahre auf Jamaika in Erscheinung traten, mit der Krönung Haile Selassies I. als erfüllt an. 1933, drei Jahre nach der Kaiserkrönung Haile Selassies, begannen auf …
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Der vollständige Artikel umfasst 10 Seiten
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