XII Ethnische Religionen
Einleitung
Von Rainer Neu
Umweltkrise und Wiederentdeckung der ethnischen Religionen
Die ökologische Krise seit den frühen 1970er Jahren führte unter Verweis auf Gen 1,28 („Macht euch die Erde untertan“) zum Vorwurf an die jüdisch-christli che Tradition, die Zerstörung der Umwelt mit verursacht zu haben. Mit dem Postulat der „Ganzheitlichkeit“ versuchte die New-Age-Bewegung unter Rück griff auf asiatische, archaische und ethnische Religionen die Herausforderung der „Wendezeit“ (F. Capra) aufzugreifen und eine neue Sicht der Stellung des Menschen in der Natur zu erlangen. Seitdem bemühen sich zahlreiche Denk richtungen und Schulen, das technisch orientierte, seit der Aufklärung auf Ent mythologisierung ausgerichtete Weltbild westlicher Kulturen durch eine Hal tung der Ehrfurcht vor der Natur zu ersetzen. Dem Menschen wird nicht länger eine Sonderstellung in der Natur anerkannt, sondern er wird als ein Element der belebten Natur im allgemeinen gesehen. Diesen Verzicht auf eine anthropozen trische Stellung des Menschen in der Welt zugunsten einer globalen Einheit von Mensch und Kosmos glaubt man auch in den „Naturreligionen“ zu erken nen. Besonders die Indianerreligionen Amerikas und die schamanischen Tradi tionen Eurasiens liefern das Vorbild für eine „ökologische Religion“ (H. Mynarek). Die Spiritualisierung der Natur, verbunden mit Vorstellungen von „Mutter Erde“ oder der „großen Mutter“, führt zu monistischen und pantheistischen Welt bildern, die die Heiligkeit der gesamten Schöpfung betonen.
Die Rückbesinnung auf die ethnischen Religionen fuhrt dazu, diese nicht länger als „primitiv“ zu betrachten, sondern ihre Aktualität und Bedeutung für die Pro bleme der Gegenwart zu erkennen. Auch die christliche Theologie besinnt sich auf die elementaren Voraussetzungen ihres Welt- und Gottes Verständnisses und erkennt, daß sich in ihnen Grunderfahrungen ethnischer Religionen erhalten haben. Die jüdisch-christliche Tradition - wie auch die anderen universalen Religionen - hat Elemente älterer ethnischer Religionen integriert. Die Muster ursprünglicher religiöser Erfahrungen setzen sich in den späteren religiösen Neuschöpfungen fort, worauf besonders Mircea Eliades aufmerksam gemacht hat. Ethnische Religionen und universale Religionen verhalten sich zueinander wie primäre und sekundäre Religion (T. Sundermcier).
Unter diesem Blickwinkel werden die archäologischen Hinterlassenschaften von der Zeit des homo erectus und des Neandertalers bis zu den Kelten und Gcrma-
nen sowie die religiösen Weltbilder gegenwärtiger ethnischer Kulturen mit einer neuen Leidenschaft und zunehmendem öffentlichem Interesse erforscht. Aus stellungen zu diesen Themen erweisen sich als Publikumsmagneten. Durch die rationale Begrifflichkeit der universalen Religionen, ihre mitunter rituelle Nüch ternheit und symbolische Erstarrung fühlen sich viele Zeitgenossen behindert, die Tiefe und Weite religiöser Erfahrungen auszuschöpfen. Die Wiederentdekkung der sinnlichen und intuitiven Seite ethnischer Religiosität, die in einer my thisch-analogischen Denkweise gegründet ist, in der symbolische Elemente vor herrschen und die im Ritus vollzogen wird, eröffnet vielen Zeitgenossen einen Zugang zu religiöser Unmittelbarkeit.
Diese Wiederentdeckung ethnischer Religionserfahrung führt nicht zwangsläu fig zu einer Abkehr von der vorherrschenden Universalreligion, sondern zu de ren vertieftem Verstehen. Religionsgeschichtlich erweist sich daran, daß die ethnischen Religionen die Grundierung der Universalreligionen bilden und un tergründig in deren elaborierten Sprachcodes, liturgischen Zeremonien und ethi schen Verhaltensmustern fortleben. Sie repräsentieren nicht die exotische Seite religionswissenschaftlicher Forschung, sondern das Grundlegende und Elemen tare religiöser Phänomene. Auch in der Welt der Religionen gilt der Grundsatz: Das Komplizierte und Zusammengesetzte muß aus den einfachen Formen ver standen werden.
Die kultur- und sozialkritische Vereinnahmung
Die Bemühungen um die Erkenntnis der einfachen und elementaren Formen des religiösen Lebens haben im 20. Jahrhundert einen beachtlichen Erfolg erzielt. Zugleich zeichnete sich jedoch ein verhängnisvoller Trend ab, das Einfache und Elementare als Projektionsfläche für moderne Weltbilder und Wunschvorstel lungen zu mißbrauchen. Diese Neigung wurde bereits am Ende des 19. Jahrhun derts in der Malerei Paul Gauguins erkennbar. Durch die flächenhafte Aufteilung und expressive Farbgebung seiner Bilder verlieh er dem Leben auf Tahiti und den Marquesa-Inseln romantisierend-paradiesische Züge. In der antiautoritä ren Studentenrevolte der späten 1960er Jahre wurden die Lebensverhältnisse ethnischer Gesellschaften unter kulturkritischen Aspekten geradezu zum Para debeispiel freiheitlicher Soziabilität. Das scheinbar zwanglose Leben von »Natur völkern4 war als Alternative zur autoritätsfixierten Lebensweise »spätkapitalisti scher4 Gesellschaften entdeckt worden.
Zu einem Kultbuch dieser Bewegung wurde ein Werk von Margaret Mead über das sexuelle Leben Jugendlicher in der Südsee, dessen …
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Der vollständige Artikel umfasst 8 Seiten
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