## **IX - 19 Alternative Religiosität in der Spätmoderne am Beispiel der freien Ritualgruppe der „Weisen Frauen“**
VERENA NINON MASKE
Wirft man einen Blick auf die aktuelle religiöse Landschaft Deutschlands, so stellt man rasch fest, dass sie mittlerweile von einer schier unüberschaubaren Pluralität gekennzeichnet ist. War es noch in den 1950er Jahren üblich, bei religiöser Pluralität an die Vielfalt christlicher Denominationen und das Judentum zu denken, so sind heute daneben zahlreiche große, etablierte sowie kleinere Religionen und religiöse Gemeinschaften getreten. Im Zuge dieser Pluralisierung ist eine Art Klimawandel in Sachen Religion vonstatten gegangen. Fand noch bis in die 1960er Jahre hinein die Prognose eines steten Rückgangs von Religion eine breite Zustimmung, so sind Religionen, insbesondere der Islam, heute ins Zentrum des öffentlichen Interesses zurückgekehrt. Der Faktor Religion ist von entscheidender Bedeutung zum Verständnis des weltpolitischen Geschehens, und auch in nationalen Diskursen, z.B. um Fragen rund um Migration und Integration, kommt ihm eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Aber nicht nur der so genannte Fundamentalismus und Formen politischer Religion prägen die religiöse Gegenwartskultur, sondern auch eine alternative Form von Religiosität fernab etablierter Religionen. Sie tritt öffentlich zunächst kaum in Erscheinung und begegnet uns doch fast alltäglich, z.B. in den Esoterikabteilungen von Buchläden und den Veranstaltungsheften von Einrichtungen zur Erwachsenenbildung. Dieser Typus von Religiosität, der an den Rändern etablierter religiöser Traditionen, jedoch vor allem und in ganz besonderer Ausprägung in der neureligiösen Szenerie zu finden ist, zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass die spirituell Praktizierenden sich - orientiert an ihren subjektiven Erfahrungen - Techniken und Vorstellungen aus ganz unterschiedlichen (religiösen) Kontexten zu eigen machen, um sie zu einem individuellen Sinndeutungspatchwork zusammenzufügen. Quellen alternativer Religiosität entstammen dabei häufig gerade nicht dem herrschenden Kanon von Religion in westlichen Gesellschaften. Entsprechend ist die neureligiöse Szenerie, die mit Bezeichnungen wie Esoterik, New Age und neue religiöse Bewegungen in Verbindung gebracht werden kann, vom Fehlen allgemein anerkannter Dogmen und Glaubensvorstellungen, heiliger Schriften und religiöser Autoritäten sowie einer zunehmend unbestimmten Religiosität des Einzelnen gekennzeichnet. Grenzen zwischen den verschiedenen Traditionen verwischen zunehmend, was Pearson vom „belief beyond boundaries“1 sprechen lässt. Solche individuellen religiösen Orientierungen fernab traditioneller Religionen gewinnen an Bedeutung, ohne dass jedoch eine ge-
naue quantitative Einschätzung dieses Phänomens gegeben werden kann. Dies liegt zum einen am Phänomen selbst, das mittlerweile fließend in die Populärkultur übergeht und zwischen spiritueller Ernsthaftigkeit und modischer Erlebnisorientierung changiert, zum anderen an der geringen Organisationsstruktur, die eine religionswissenschaftliche Zugänglichkeit recht schwer macht. Deshalb wird in diesem Zusammenhang auch häufig von der „unsichtbaren, privatisierten Religion“2 gesprochen.
Alternative Religiosität wird in erster Linie von Frauen mit einem relativ hohen Bildungsgrad praktiziert, die in und mit ihrer religiösen Praxis speziell weiblichen Bedürfnissen und Lebenserfahrungen mehr Beachtung schenken wollen. So betonen Woodhead/Heelas, dass ca. 80 % der alternativ-religiösen Szenerie weiblichen Geschlechts sind. Im Folgenden soll die alternative Form von Religiosität am Beispiel der freien Ritualgruppe Weise Frauen , die ich in einem von 2002 bis 2005 währenden Feldforschungsprozess nahe einer niedersächsischen Großstadt untersucht habe, genauer betrachtet werden. Es ist möglich, anhand der Weisen Frauen exemplarisch die Besonderheiten alternativer Religiosität herauszuarbeiten, da sie geradezu paradigmatisch für Gruppen aus der alternativ-religiösen Szene sind. Neben der Charakterisierung alternativer Religiosität soll der Frage nachgegangen werden, welche Interdependenzen zwischen dem verstärkten Auftreten dieses Religiositätsstils und aktuellen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen bestehen. Denn obgleich dieser alternative Typus von Religion in einer gewissen historischen Kontinuität steht, ist er doch für die gegenwärtige Religiosität besonders charakteristisch.
Die Weisen Frauen als Facette des feministisch-spirituellen Neopaganismus
Die Selbstbezeichnung Weise Frauen stellt die Gruppe in die Tradition des feministisch-spirituellen Neopaganismus3 , auch wenn die Beteiligten selbst wie andere Gruppen aus dem alternativ-religiösen Spektrum Wert darauf legen, keiner spezifischen religiösen Richtung verpflichtet zu sein. Doch die bei den Konventstreffen geäußerten Glaubensvorstellungen und durchgeführten religiöse Praktiken zeigen deutlich eine Zuordnung zu diesem Traditionsstrang der neureligiösen Szenerie.
Die Wurzeln des …
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Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten
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