Transpersonale Psychologie / Transpersonale Bewegung
Von Joachim Süss
Hinter den Bezeichnungen Transpersonale Psychologie und Transpersonale Bewegung verbirgt sich eine komplexe spirituell-therapeutische Theorie, die sich seit den 1960er Jahren vor allem durch die Arbeit amerikanischer Psycholo gen und Philosophen herausgebildet hat.
Ursprünglich wurde die Transpersonale Psychologie als rein therapeutische Schulrichtung konzipiert, die Heilung durch eine Rückbindung an jene größe re, „transpersonale“ Existenz anstrebt, aus der der Mensch nach dem dort vor herrschenden Verständnis hervorging und zu der er am Ende seines Lebens zurückkehren wird. Sie entwickelte sich inzwischen jedoch zu einer umfas senden Weltdeutung mit spirituellem Anspruch weiter. Ihr Einfluß reicht weit über die Psychotherapie hinaus, so daß von einer regelrechten Transpersonalen Bewegung gesprochen werden kann.
_Crossover-Philosophie_
Mit ihren integrativen Ansätzen ist die Transpersonale Psychologie/Transpersonale Bewegung eine Vertreterin der zeitgenössischen Crossover-Philosophien. Diese sind Grenzgänger zwischen verschiedenen (Fach-)Gebieten, die gerade dadurch, daß sie Fremdes, gelegentlich auch durchaus Gegensätz liches, kombinieren zu überraschenden Perspektiven und neuen, weiterfüh renden Einsichten gelangen. Weitere Vertreter dieser Richtung sind die For schungen über die sog. Orgon-Lebensenergie des Psychoanalytikers und Freud-Schülers Wilhelm Reich, die Theorie der morphischen (gestaltverur sachenden) Felder, die der britische Biochemiker Rupert Sheldrake entwikkelte, das „Neue Denken“ des amerikanischen Atomphysikers Fritjof Capra oder die Veröffentlichungen von Prof. Joachim-Ernst Berendt über den Klang charakter der Welt. Wie namhafte Persönlichkeiten der Transpersonalen Be wegung wurden auch diese Wissenschaftler in ihrem Denken mehrheitlich stark von der indischen Religionsphilosophie beeinflußt.
Nicht nur die orthodoxe Wissenschaft tut sich mit der Anerkennung solcher Theorien überaus schwer. Wilhelm Reich wurde wegen seiner Theorien in den USA sogar vor Gericht gestellt und verurteilt. Verbittert starb er 1957 im Gefängnis.
Crossover-Philosophien verfolgen den Anspruch, Religion und Alltag, Spiri tualität und Wissenschaft, Sichtbares und Unsichtbares zu verbinden, um auf
diese Weise eine für die Lebenswirklichkeit umfassende Sinnkonstruktion zu entwerfen. So wird auch die Wirklichkeitserfahrung des modernen Menschen zum Ausgangspunkt dieser Systeme: Sie weisen die Erkenntnisse der Naturwissen schaften nicht zurück, die das gegenwärtige Weltbild bestimmen. Und gleichzei tig erkennen sie - meist expressis veibis - das Bedürfnis nach spiritueller Sinnfin dung an, das ebenfalls zur Signatur dieser Zeit gehört. Beide, die wissenschaft lich geprägte Weitsicht und die spirituelle Erfahrung, werden als wechselsei tige Interpretationsinstrumente genutzt; die vorwiegend aus Indien entlehnte Anthropologie und Kosmologie erklärt die naturwissenschaftlich erhärtete Weltwahrnehmung der Gegenwart. Diese wiederum hilft, die asiatische Re ligionsphilosophie unserer Zeit zu erschließen. So fügen sich beide Elemente zu einem größeren, ganzheitlich verstandenen Weltbild zusammen.
Die Crossover-Philosophien erfüllen damit durchaus jene Funktion, die ge wöhnlich mit einer religiösen Lehre verbunden wird: Sie bieten eine dem Zeit genossen akzeptabel scheinende, ganzheitlich angelegte Welterklärung und auf dieser Grundlage auch Lebensbewältigung an. Daß sie beide Bereiche verbinden, wissenschaftliche Weltdeutung und Religiosität, dürfte ein Grund für den wachsenden Einfluß solcher Crossover-Philosophien sein, denen sich immer mehr Zeitgenossen verbunden fühlen. Ein zweiter ist der Rückgriff auf die asiatische Religionsphilosophie, mit der das wissenschaftliche Weltver ständnis des Abendlandes konfrontiert und auf neue, von vielen als zeitgemäß empfundene Weise interpretiert wird. Vor allem Capra und Wilber (s.u.) ha ben diese Konvergenz in ihren Publikationen herausgearbeitet. Ein dritter Grund liegt schließlich darin, daß sie eine eminent religiöse Aufgabe - Sinn stiftung - wahrnehmen, ohne religiös-doktrinär zu wirken.
_Psychologische Konzeption_
Die Geschichte …
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Der vollständige Artikel umfasst 7 Seiten
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