Möller, Satanismus

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Satanismus MELANIE MÖLLER Zum Begriff und seiner Verwendung Die Ansichten darüber, was Satanismus ist, gehen weit auseinander. Viele Satanismus-Definitionen orientieren sich an einem Klischee, das den gängigen Vorstellungen dessen entspricht, was allgemein mit Satanismus verbunden wird. Inwiefern dies der Realität entspricht, ist in den meisten Fällen fragwürdig und nur selten verifizierbar. Satanismus wird assoziiert mit schwarzer Magie, mitternächtlichen schwarzen Messen auf dunklen Friedhöfen, Satansanbetern in schwarzen Kutten, die Gräber schänden und Tiere opfern; es ist die Rede von rituellem Geschlechtsverkehr, von brutalen Gewaltszenarien und kriminellen Vereinigungen. Satanismus wird interpretiert als Gegenstück zum Christentum, wobei Satan anstelle von Gott als höchste Instanz betrachtet wird. Jugendliche werden vor der Anwendung okkultistischer Praktiken gewarnt, weil diese als Einstieg zum Satanismus angesehen werden. Z.B. gelten bestimmte Arten der Rockmusik (v.a. Heavy-Metal, Black-Metal) als ebenso satanistisch wie die zumeist schwarzgekleideten Mitglieder der Gothic-Subkultur. Satanismus kann aber genauso als eine „Religion des Ego“ beschrieben werden, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und sich nicht nur völlig aus einem christlichen, sondern generell aus einem religiösen Bereich lösen kann. Viele selbstbezeichnende Satanisten glauben im Gegensatz zum gängigen Klischee nicht einmal an die Existenz eines Satans, sondern verstehen diesen als ein religionskritisches Symbol, mit dem sie eine aus ihrer Sicht verlogene christliche Wertegemeinschaft anprangern. Satanismus ist Religion, Provokation, Protest, Spielerei, Kriminalität oder das Böse, er ist ein wechselbares Phänomen, Diskursfeld oder Anklage - je nachdem, wer Satanismus beschreibt oder „benutzt“. Tatsachen über Satanismus sind selten und für den Bereich der Religionswissenschaft in erster Linie zugänglich über etablierte satanistische Organisationen wie die Church of Satan oder den Temple of Set (s. Kapitel IX - 9.1), die mit den klassisch klischeehaften Assoziationen von Satanismus nur noch wenig gemein haben. Satanismus ist immer eine Gratwanderung zwischen Bestätigung und Revidierung eines Satanismus-Stereotyps oder -Mythos und der Realität. Definitionen und Kategorisierungen Satanismus sind aufgrund der vielfältigen Kontexte, in denen der Begriff Verwendung findet, schwierig. Somit ist Satanismus ein offenes Feld, das funktional interpretierbar ist. Wer vor Satanismus als Bedrohung warnen will, findet ebenso gute Möglichkeiten zu einer inhaltlichen Füllung des Begriffs wie jemand, der Satanismus als Religion des freien Willens und aufgeklärten Geistes oder als Rebellion gegen ein als einengend empfundenes christliches Weltbild verstanden wissen will. Satan kann sowohl eine Personifikation oder ein Symbol des Bösen darstellen, als auch eine Negierung von Religiosität an sich oder eine Abstrahierung „des Anderen“ im Allgemeinen. In einer durch christliche Werte und Geschichte geprägten Gesellschaft bildet Satan als Feindbild des Christentums in all seinen Abstraktionen und Assoziationen das durch die Gesellschaft als böse und bedrohlich Empfundene. Allen Meinungen über Satanismus ist deshalb gemeinsam, dass dieser als etwas dargestellt wird, was dem geltenden Wertesystem zumindest in Teilen entgegensteht. Satanismus beschreibt mindestens das von der Norm Abweichende, oft auch das Abscheuliche oder Abstoßende. Hierbei muss immer unterschieden werden zwischen Satanismus als Eigenund als Fremdbeschreibung. In beiden Fällen wird die Andersartigkeit gegenüber dem beschrieben, was den gesellschaftlichen Konsens darstellt. In der Fremdbeschreibung werden unter Satanismus Handlungen oder Menschengruppen „verteufelt“, die als Bedrohung aufgefasst werden. Dies reicht von Kartenlegen über Drogenkonsum bis zu Körperverletzung oder Mord und von Heavy-Metal-Fans über Mitglieder neuer religiöser Bewegungen bis hin zu Serien mördern. In der Eigenbezeichnung umschreibt Satanismus in der Regel Denkweisen, die sich dezidiert gegen jegliche Art von Religiosität und Spiritualität wenden, was mit einer Betonung materieller Werte einhergeht und/oder das Individuum zu einer göttlichen Instanz aufwertet. Das beste Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Philosophie der 1969 in den USA gegründeten Church of Satan, der größten und bekanntesten etablierten satanistischen Organisation. Kern der propagierten satanistischen Lehre ist die Selbstüberhöhung des Individuums - dem Idealtypus folgend ist ein Satanist ein Übermensch im Sinne Nietzsches. Das Streben nach persönlicher und materieller Erfüllung bildet das Zentrum satanistischen Handelns dieser Prägung. Der Mensch wird als „bloß ein anderes Tier“ gesehen, das nach dem darwinistischen Selektionsprinzip in erster …
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