BUDDHISMUS IN DERSCHWEIZ VII - 4
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 19. EL 2008 1
VII - 4 Buddhismus in der Schweiz
VONFRANKANDRÉWEIGELT
Buddhismus und die Confoederatio Helvetica
In der Schweiz bezeichnen sich von 7,5 Mio. Einwohnern gemäß der Eid-
genössischen Volkszählung 2000 rund 21.500 Personen als Buddhisten. Dies
entspricht ca. 0,3 % der Gesamtbevölkerung. Damit gehört die Schweiz in Be-
zug auf die prozentuale buddhistische Präsenz und Vielfalt zu den führenden
Nationen in Europa, verglichen mit Frankreich (~0,6%), Großbritannien
(~0,3 %), Deutschland (~0,18 %) oder Italien (~0,13 %).
Anders als in Deutschland und Österreich sind es in der Schweiz die Kantone,
die das Verhältnis zwischen den Religionsgemeinschaften bzw. den Kirchen
und dem Staat regeln. Das bedeutet, dass in der Schweiz 26 verschiedene
rechtliche Ausprägungen dieses Verhältnisses existieren.
1
Derzeit ist der Budd-
hismus in der Schweiz nicht als öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaft
anerkannt. Inwieweit vonseiten des buddhistischen Dachverbands „Schweizer
Buddhistischen Union“ (SBU) Anstrengungen unternommen wurden und wer-
den, Buddhismus in einzelnen Kantonen bzw. bundesweit zu etablieren, ist
nicht bekannt. Die innerbuddhistischen Vernetzungen und der Zusammenhalt
erweisen sich gerade in dieser Hinsicht trotz der mehr als 30-jährigen Existenz
der SBU als gering. Ein Indikator dafür dürfte u. a. die Gründung der „Budd-
histischen Gemeinschaft Schweiz“ im April 2002 sein, die nur theravâda-
buddhistische Gruppierungen vertritt, sich aber in Teilen die selben Aufgaben
zum Ziel setzt wie die SBU. Dem derzeitigen Vorstand gehört u. a. Rolf Haf-
ner an, der lange Zeit Präsident der SBU war. Anders als in Deutschland und
in Österreich verfügen Schweizer Buddhisten auch über keine eigene gemein-
schaftliche Zeitschrift.
In der Schweiz haben neben der quasi traditionellen Betonung des Eigenle-
bens in der Gemeinde und Talschaft, wie auch der Betonung der eigenen budd-
histischen Tradition, die Sprachgrenzen eine wichtige Bedeutung. Insbeson-
dere zwischen der französisch- und der deutschsprachigen Schweiz herrscht
wenig Austausch. Über buddhistische Aktivitäten in der italienischsprachigen
und rätoromanischsprachigen Schweiz ist wenig bekannt. Es muss konstatiert
werden, dass auch innerhalb der asiatischen Buddhisten die Kooperation über
die Sprachgrenzen hinweg weitestgehend gering ist.
2
--- Seite 1 Ende ---
Unter den buddhistischen Gemeinschaften in der Schweiz sind ~21 % thera-
vâda-buddhistische Gruppen und Zentren und ~29 % mahâyâna-buddhistische
ohne den tantrischen Buddhismus Tibets. Zentren und Gruppen des Vajrayâna
umfassen, gemessen an der Gesamtpräsenz buddhistischer Institutionen, mit
~48 % den größten Anteil. Empirisch lässt sich bezeugen, dass die Präsenz
buddhistischer Institutionen in der Öffentlichkeit zugenommen hat. Die Re-
gionalverteilung verhält sich gemäß dem typischen Prozess buddhistischer In-
stitutionalisierungen im Westen. Der überwiegende Teil buddhistischer Grup-
pen und Zentren befindet sich in Ballungszentren und Großstädten, d. h. auch
in der Schweiz ist Buddhismus ein urbanes Phänomen, auch wenn sich einige
Zentren und Gruppen in den letzten Jahren eher in ländliche Gebiete zurück-
zogen, z. B. das Haus Tao, das Haus der Besinnung, das Meditationszentrum
Dhamma Sumeru oder die Stiftung Felsentor auf der Rigi.
In der Schweizer Öffentlichkeit – v.a. in den Medien – sind Buddhismus und
buddhistische Aktivitäten im Vergleich zu anderen Religionsgemeinschaften
allerdings weitgehend unterrepräsentiert.
Im folgenden Abschnitt skizziert der Artikel die historische Genese buddhisti-
scher Rezeptionen in der Schweiz bis Anfang der 1960er Jahre, um in den dar-
an anschließenden Kapiteln die rezente Vielfalt buddhistischer Traditionen in
der Alpenrepublik darzustellen. Im einzelnen sind die Gruppen dann nach ih-
rer übergeordneten Tradition und nicht nach ihrer historischen Entstehung und
Ansiedlung systematisiert.
Erste Rezeptionen buddhistischer Lehren in der Schweiz
Die anfängliche Verbreitung buddhistischen Gedankenguts in der Schweiz, wie
auch in Deutschland, lässt sich auf das Wirken Arthur Schopenhauers (1788–
1860) zurückführen. Der Pfarrerssohn Josef Viktor Widmann (1842–1911) aus
Liestal (Baselland) und der Kapellmeister Richard Wagner (1813–83), der
einige Zeit in Züricher und Luzerner Exil lebte, gehörten zu den Ersten, die
buddhistische Inhalte im Schweizer Kontext rezipierten.
3
Den Beginn einer Institutionalisierung des Buddhismus in der Schweiz mar-
kierte die Ankunft des deutschen Geigenvirtuosen Anton Walther Florus Gueth
(1878–1957) in der Schweiz. Ungefähr 50 Jahre nach Wagner und Widmann
kam Gueth, als erster vollordinierter Theravâda-Mönch in den deutschspra-
chigen Raum und wurde zum seinerzeit wichtigsten Vertreter des Buddhismus
VII - 4 BUDDHISMUS IN DERSCHWEIZ
2
Westarp Science Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 32 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 32 Seiten