Dehghani, Ṭáhirih Qurratu'l-ʿAyn im deutschsprachigen Europa

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V - 3.1 Ṭáhirih Qurratu’l-ʿAyn im deutschsprachigen Europa: Faszination der Orientalistik und Inspiration der Frauenbewegung* [Ṭáhirih Qurratu’l-ʿAyn in German-Speaking Europe: Fascination of Oriental Studies and Inspiration of the Women’s Movement] sasha dehghani Zusammenfassung Nicht lange nach dem Märtyrertod Ṭáhirih Qurratu’l-ʿAyns (gest. 1852) befassten sich Orientalisten und Frauenaktivistinnen mit ihrem Leben. Der furchtlose Einsatz der Bábí-Apostelin für die Entstehung einer neuen Religion und die Verbesserung der Stellung der Frau machten sie im deutschsprachigen Europa bekannt. Diese eingehende Auseinandersetzung mit ihrem Leben geschah etwa bis zur Phase des Zweiten Weltkriegs. Hiernach verblasste die öffentliche Erinnerung an sie und wurde lediglich durch Annemarie Schimmels Arbeiten am Leben erhalten. Schlagwörter: Bahá’í-Religion, Islam, Schleier, Frauenemanzipation, Orientalistik, Europa, Edward G. Browne, Theodor Nöldeke, Leo Tolstoi, Friedrich Carl Andreas, Annemarie Schimmel, Muhammad Iqbal, Martha Root Ich möchte den Professoren Omid Ghaemmaghami (SUNY Binghamton), Sunil Sharma & Houchang Chehabi (Boston University), Soli Shahvar (University of Haifa) sowie Hoda Mahmoudi (University of Maryland) herzlich danken, dass ich meine Forschung zu Ṭáhirih mit ihnen besprechen bzw. ihren Fachkolleginnen und -kollegen vorstellen durfte. Submitted December 10, 2021, and accepted for publication January 17, 2022 Editor: Udo Tworuschka Summary After the martyrdom of Ṭáhirih Qurratu’l-ʿAyn (d. 1852) her story soon attracted the attention of orientalists and women activists. The fearless commitment of the Bábí apostle to the rise of a new religion and the advancement of women earned her renown in German-speaking Europe. Her life was examined widely up to the period of the Second World War. After that, public memory of her person faded and was only kept alive by the work of Annemarie Schimmel. Keywords: Bahá’í Faith, Islam, Veil, Emancipation of Women, Oriental Studies, Europe, Edward G. Browne, Theodor Nöldeke, Leo Tolstoy, Friedrich Carl Andreas, Annemarie Schimmel, Muhammad Iqbal, Martha Root 1 Über Ṭáhirih und „German Infidelity“: Theodor Nöldeke an Edward G. Browne An der Universität von Cambridge befindet sich im Nachlass des berühmten britischen Iranisten Edward Granville Browne ein spannender Brief. Er stammt vom deutschen Korangelehrten Theodor Nöldeke und ist an Edward Granville Browne, der gemeinsam mit dem französischen Orientalisten Nicolas als einer der führenden europäischen Kenner der Bábí-Religion betrachtet werden kann, adressiert. Datiert vom 13. Januar 1920, thematisiert der Brief das Phänomen der Bábí-Religion und offenbart hierbei gleichzeitig Nöldekes tief sitzende Religionsaversion. Nöldeke bedankt sich in seinem gänzlich in deutscher Sprache verfassten Brief bei Browne für die Zusendung seines kürzlich erschienenen Buches, eine Materialiensammlung zur Erforschung der Bábí-Religion.1 Er teilt mit, besonders das letzte Kapitel mit Sorgfalt studiert zu haben. Dieses hatte Browne den Gedichten der Qurratu’l-ʿAyn gewidmet. Nöldeke, der nach eigenen Angaben einer mystischen Musikalität ermangelt, gesteht: „Von den Gedichten habe ich die beiden der zugeschriebenen recht sorgfältig osll ss gelesen, aber dass ich sie recht verstanden habe, kann ich doch nicht sagen. Namentlich bin ich mir nicht darüber klar geworden, ob der Angeehrte wirklich der Bāb ist, oder wie in den Gedichten der Sūfī’s die Gottheit ist, welche den Menschen erfüllen, dessen Liebesrausch stillen soll. Ich drücke mich da nicht ganz richtig aus. Ich habe mich bei meinen Versuchen, mich mit dieser Mystik näher bekannt zu machen, nie weit vorwagen können. Ich bin eben zu sehr Rationalist und Skeptiker, um mich auf diesem Gebiet wohlzufühlen. Was sagt denn Nicholson zu diesen Gedichten? Er ist ja doch wohl der bei Weitem beste, wenn nicht gar der einzige europäische Kenner der sūfīschen Poesie.“2 Was Nöldeke besonders beschäftigt, ist die Frage einer mystischen Verklärung des Báb, der Zentralfigur der Bábí-Religion. Eine Begründung für dieses Phänomen suchend, zieht Nöldeke die Religionsgeschichte des Christentums und des Islam zurate und schreibt: „War’s denn mit dem Christentum anders? Obwohl Jesus nie den Anspruch gemacht hat, selbst Gott zu sein, und erst Paulus, der ihn gesehen, angefangen hat, ihn zu vergöttern, was dann auch das 4te Evangelium etc. bis zur Dogmatisierung in Nicäa weiter gegangen ist. (Im Grunde ist doch die Trinität ja aber in der wirklichen Auffassung der Christen nie durchgegangen, die vielmehr Christus immer als eine besondere göttliche Person angesehen hat, den ‚heiligen Geist‘ nie recht persönlich gefasst, dagegen die ‚Mutter Gottes‘ durchaus als …
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