Muslime in Altersheimen
Hüseyin Kurt
Einführung
Aufgrund der gezielten Anwerbung von Arbeitsmigranten in den 1960er- und 1970er-Jahren kamen nach Deutschland zum ersten Mal Muslime in größerer Zahl.1 Nach einem halben Jahrhundert haben sie das Rentenalter erreicht und sind wie alle anderen älteren Menschen auf die Angebote des Altenhilfesystems angewiesen.
Mein Beitrag befasst sich mit dieser Problematik und setzt den Schwerpunkt auf die Versorgung der pflegebedürftigen Muslime in Altersheimen. Im ersten Abschnitt werden das Altern und die Altenpflege in gestraffter Form aus der Sicht des Islam beleuchtet und gezeigt, dass die islamische Theologie und die islamische Tradition mit dem Grundsatz „häusliche Pflege vor stationärer Pflege“ in vollem Einklang steht. Anschließend wird statistisch analysiert, in welchem Umfang die Migranten, im Speziellen die muslimischen Migranten, Bedarf an Altenhilfe haben und wie dieser sich in Zukunft entwickeln wird. Anschließend wird der Frage nachgegangen, warum die muslimischen Pflegebedürftigen weniger von der professionellen Altenhilfe in Altersheimen Gebrauch machen als die Mehrheitsgesellschaft. Danach wird diskutiert, welchen Erwartungen und Anforderungen die Altersheime gerecht werden sollen, wenn sie die pflegebedürftigen Muslime religions- und kultursensibel pflegen möchten. Abschließend wird die Problematik der Altenhilfe für muslimische Pflegebedürftige in Altersheimen aus der staatskirchlichen Sicht analysiert und diskutiert, welche Hürden die muslimischen Organisationen nehmen müssen, um einen muslimischen Wohlfahrtsverband zu gründen, der Träger für ein muslimisches Altersheim wäre.
Altern und Altenpflege im Islam und in der islamischen Tradition[2]
Der Koran, die Hauptquelle des Islam, sieht das Alter als einen natürlichen Bestandteil des menschlichen Lebens an:
„O ihr Menschen, wenn ihr über die Auferstehung im Zweifel seid, so haben Wir euch aus Erde erschaffen, hierauf aus einem Samentropfen, hierauf aus einem Blutklumpen, hierauf aus einem Fleischklumpen, gestaltet und
ungestaltet, um es euch klarzumachen. Und Wir lassen, was Wir wollen, im Mutterleib auf eine bestimmte Frist festgesetzte Zeit unterbringen. Danach lassen Wir euch als kleine Kinder hervorkommen. Hierauf (lassen Wir heranwachsen), damit ihr eure Vollreife erlangt. Und mancher von euch wird (frühzeitig) abberufen, und mancher von euch wird in das Greisenalter gebracht, sodass er nach (dem vorherigen) Wissen nichts (mehr) weiß. Und du sahst die Erde regungslos, und doch wenn Wir Wasser auf sie herabkommen lassen, regt sie sich, schwillt und lässt von jeder entzückenden (Pflanzen-) Art heranwachsen.“[ 3]
Der folgende Koranvers bezieht sich auf Anfang und Ende des Lebens und macht auf die Schwierigkeiten des Alterns aufmerksam:
„Und Gott hat euch erschaffen, hierauf beruft Er euch ab. Und manch einer von euch wird in das Greisenalter gebracht, sodass er vor Altersschwäche vom (vorherigen) Wissen nichts (mehr) weiß. Gewiss, Gott ist allwissend und seine Macht ist unermesslich.“[ 4]
Im Koran heißt es bezüglich der Behandlung der alt gewordenen Eltern:
„Dein Herr hat bestimmt, dass ihr ihn alleine anbeten sollt und dass ihr gegen eure Eltern gütig seid, auch wenn der eine von ihnen oder beide bei dir ins hohe Alter kommen. Sag daher nicht ,Pfui!‘ zu ihnen und schelte sie nicht, sondern rede mit ihnen auf ehrerbietige Weise.“[ 5]
Der Respekt gegenüber Älteren gilt jedoch nicht nur den eigenen Eltern, sondern auch allen anderen Menschen, die im fortgeschrittenen Alter sind.
Der Prophet Mohammed reflektierte die Anweisungen und Prinzipien des Koran auf die zwischenmenschlichen Beziehungen mit seinem Verhalten, und in seinen Aussagen setzte er sie lebenspraktisch um. In diesem Sinne sagte er bezüglich der Älteren Folgendes:
„Wenn ein jüngerer Mensch einen Älteren aufgrund seines Alters respektiert und ihn gut behandelt, so wird der Gott ihm in seinem höheren Alter mit Wohlwollen jüngere Menschen schicken, die ihn ehren, respektieren und gut behandeln werden.“[ 6]
„Wer den Älteren keinen Respekt erweist und mit den Jüngeren nicht barmherzig ist, ist nicht von uns. Derjenige, der nicht barmherzig gegenüber Kindern (Jüngeren) und respektvoll gegenüber Älteren ist, der gehört nicht zu uns.“[ 7]
„Menschen, die ihre Eltern nicht zufriedenstellen, können auch Gott nicht zufriedenstellen.“[ 8]
Aufgrund der oben wiedergegebenen sowie anderen Koranversen und Hadithen wird die Versorgung der älteren Menschen in erster Linie als eine Aufgabe der engsten Familienangehörigen, d. h. der eigenen Kinder, gesehen. Auch die Älteren wünschen sich, bis zum Lebensende in ihrem eigenen Zuhause oder bei ihren Kindern zu leben. Genau aus diesem Grund versuchen die Kinder mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, ihre eigenen Eltern bis zum Lebensende innerhalb der eigenen Familienstrukturen zu pflegen.
Die Familienangehörigen, die ihre eigenen Eltern nicht selber pflegen können und institutionelle Hilfe annehmen, d. h. die pflegebedürftigen Eltern ins …
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Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten
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