Halal-Ernährung und Zertifizierung IV - 1.16
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 84. EL 2025 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Die Halal-Ernährung, die die rituellen Speisevorschriften des Islams reprä-
sentiert, stellt seit jeher ein wesentliches Identitätsmerkmal muslimischer
Gesellschaften dar. Die islamischen Speisevorschriften basieren auf kora-
nischen Verboten (Sg. ḥarām ) und werden durch prophetische Handlungen
und Anweisungen ergänzt. Dabei spielt die Ernährungs- und Konsumweise
des Propheten eine zentrale Rolle für die islamische Speiseethik, die im
Kontext des globalen Umweltbewusstseins zunehmend Beachtung findet.
In überwiegend muslimischen Ländern hat sich eine Sensibilität für Halal-
Ernährung herausgebildet, die durch private und staatlich überwachte Halal-
Zertifizierungen und -Akkreditierungen gesichert wird. Die Globalisierung
sowie die zunehmende Migration von Musliminnen und Muslimen führen
dazu, dass die Diskurse und Spannungsfelder der Halal-Ernährung auch in
der westlichen Hemisphäre immer mehr an Bedeutung gewinnen. Der vorlie-
gende Artikel skizziert zunächst die theologischen Grundlagen der Halal-Er-
nährung anhand der koranischen Speiseverbote und deren Auslegung durch
muslimische Rechtsgelehrte, wobei wesentliche Meinungsverschiedenheiten
innerhalb der Rechtsschulen thematisiert werden. Anschließend werden die
globale Entwicklung der Halal-Zertifizierung, ihre wichtigsten Akteure und
Problemfelder umrissen. Der Beitrag schließt mit einem kurzen Ausblick
zu alternativen Auslegungsformen der islamischen Speisegebote, die die
koranische Konzeption der Mitwelt berücksichtigen und den Fokus auf eine
islamische Ethik der Ernährung legen.
SchlagwörterSchlagwörter
Halal-Ernährung, islamische Speiseethik, Halal-Zertifizierung, rituelle
Reinheit, Umwelt, Mitwelt, halālan tayyiban (ganzheitliches Halal)
IV - 1.16 Halal-Ernährung und Zertifizierung
[Halal Nutrition and Certification]
Irem Kurt
Submitted June 10, 2024, and accepted for publication August 29, 2025
Editor: Serdar Kurnaz
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IV - 1.16 Halal-Ernährung und Zertifizierung 2© Westarp Science Fachverlag
Einführung
„Ḥarām“, das „Verbotene“ oder „Geschützte“, bezeichnet ein rituelles Tabu
in der Fachterminologie der islamischen Gelehrsamkeit. „Ḥalāl“, was das
„Erlaubte“ bedeutet, umfasst nach der Auffassung muslimischer Gelehrter
alle Dinge oder Handlungen, die nicht verboten sind. Nach einem von allen
islamischen Rechtsschulen akzeptierten juristischen Prinzip sind alle Dinge
grundsätzlich erlaubt (mubāḥ) , sofern nicht bewiesen werden kann, dass eine
Sache verboten ist.
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Dieses Prinzip der „grundsätzlichen Freistellung“ (al-
ibāḥa al-aṣlīya) bei nicht vorhandenem Verbot einer Sache oder Handlung
bedingt, dass Halal (arab. ḥalāl ) einen weiteren Bedeutungsinhalt hat als Ha-
ram (arab. ḥarām ).
SummarySummary
Halal nutrition, representing the ritual dietary laws of Islam, has long been
a fundamental identity marker in Muslim societies. Islamic dietary laws are
based on Quranic prohibitions (sg. ḥarām) and are supplemented by prophetic
acts and instructions. The dietary and consumption practices of the Prophet
play a central role in Islamic dietary ethics, which are increasingly gaining
attention in the context of global environmental awareness. In predominantly
Muslim countries, a sensitivity for Halal nutrition has developed, secured
through private and state-monitored Halal certifications and accreditations.
The forces of globalization along with the rising migration of Muslims are
amplifying the relevance of debates and conflicts associated with Halal nu-
trition in the Western hemisphere. This article first outlines the theological
foundations of Halal nutrition based on Quranic dietary prohibitions and
their interpretation by Muslim jurists, addressing significant differences
within the legal schools (maḍāhib). It then sketches the global development of
Halal certification, its key players, and challenges. The contribution conclu-
des with a brief presentation of alternative interpretations of Islamic dietary
laws that consider the Quranic concept of the environment and focus on an
Islamic ethic of nutrition.
KeywordsKeywords
Halal Nutrition, Islamic Dietary Ethics, Halal Certification, Ritual Purity,
Environment, Shared Environment, Halālan Ṭayyiban (Halal and Whole-
some)
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Der vollständige Artikel umfasst 24 Seiten
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