Theologische Grundlagen islamischer Seelsorge IV - 1.9
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 44. EL 2015 1
OLZOG Verlag â Handbuch der Religionen â Frau Voit
Stand: 29.05.2015ââ2.AKââSeite 1
IV - 1.9 Theologische Grundlagen islamischer Seelsorge â
Der Mensch als Medium der Verwirklichung göttlicher
Intentionen
Von Mouhanad Khorchide
Der Islam kennt in seiner Geschichte und Gegenwart zwar Seelsorge
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, allerdings
nicht als ausdifferenzierte Institution, wie wir sie heute z.â B. in Deutschland
kennen. Die Betreuung von Alten, Kranken und BedĂŒrftigen wird bei Musli-
men meist von den Familien selbst geleistet. Seelsorge im Islam wird nicht als
Hilfestellung im Notfall gesehen, sondern als Lebenshaltung. So gehört z.â B.
die Sorge um seinen Nachbarn zum Konzept islamischer Seelsorge:
âUnd seid gut zu [âŠ] dem Nachbarn, sei er verwandt oder aus der Fremde.â
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Der Prophet Muhammad berichtete, dass der Erzengel Gabriel ihm die Rechte
des Nachbarn so stark ans Herz gelegt hatte, dass er glaubte, der Nachbar wĂŒrde
ins Erbrecht mit aufgenommen werden.
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Im Laufe der islamischen Geschichte wurden soziale Einrichtungen geschaf-
fen, um vor allem bedĂŒrftigen Menschen ohne Verwandtschaft zu helfen. TrĂ€-
ger dieser Einrichtungen sind in der Regel Stiftungen.
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So errichtete 1895 der
osmanische Sultan Abdulhamid II. die sogenannte DarĂŒlaceze (Haus der
ÂBedĂŒrftigen und Schwachen).
âNoch heute bietet sie Unterkunft fĂŒr invalide Menschen, alte Menschen,
Waisenkinder, die nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu bestrei-
ten. Sie ist eine Art Armenasyl, Altersheim, Siechenheim und Waisenhaus,
wo auch fĂŒr das religiöse Befinden mit GebetsstĂ€tten fĂŒr Muslime, Christen
und Juden, was auch die religiöse Zugehörigkeit der dort aufgenommenen
Menschen widerspiegelt, gesorgt ist.â
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Der evangelische Praktische Theologe Eberhard Hauschildt merkt daher zu
Recht an, dass
âsogenannte vormoderne Seelsorgepraxis [âŠ] weiterhin prĂ€sent (bleibt), be-
sonders in nicht westlichen Kulturen. Der Globalisierungsprozess fĂŒhrt nicht
einfach zur Gleichstellung in der Seelsorge, sondern er lÀsst zugleich die
kulturell-regionalen Besonderheiten unterschiedlicher Seelsorgewelten erst
in das Bewusstsein treten. Es gibt nicht die eine Seelsorge, sondern unter-
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schiedliche Seelsorgekulturen. In einer globalisierten Welt aber treffen immer
hĂ€ufiger unterschiedliche Seelsorgekulturen aufeinanderâ
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.
Jeder Mensch ist zwar ein Einzelfall, alle Menschen sind aber, weil sie zur
Spezies âMenschâ gehören, gleich. Es gilt aber auch:
âMenschengruppen sind unterschiedlich. Heiraten in Deutschland und Hei-
raten in Nigeria ist nicht das Gleiche [âŠ]. Neben IndividualitĂ€t und allgemei-
nem Menschentum ist auch das faktische Leben in einer bestimmten sozialen
Welt ein grundlegender Faktor fĂŒr Seelsorge. Menschen leben in Kulturen;
Seelsorge selbst hat an solchen Kulturen Anteil, drĂŒckt sie aus, reproduziert
sie. Und unsere Situation ist nun die, dass diese unterschiedlichen Welten
auch in der Seelsorge aufeinandertreffen.â
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In ihrer Geschichte und Gegenwart ist die islamische Seelsorge stark auf das
Ehrenamt angewiesen. In der Ehrenamtsforschung gilt allerdings als Konsens,
dass das Ehrenamt keinesfalls verschwindet, wohl aber ein sukzessiver Struk-
turwandel des Ehrenamtes festzustellen ist.
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âEs zeigt sich eine den geĂ€nderten LebensbezĂŒgen entsprechende ,neueâ Men-
talitÀt von Ehrenamtlichen neben traditionellen Motivationen. Statt vom Ideal
der Selbstlosigkeit her bestimmt zu sein, wird das Ehrenamt zu einem ,selbst
gewĂ€hlten Element der Biografiegestaltungâ. Es folgt zunehmend einem ,Prin-
zip der biografischen Passungâ und zeigt dabei eine Art ,ReziprozitĂ€t von
Geben und Nehmenâ. Dies hat Folgen: Das Ehrenamt gerĂ€t so nĂ€mlich un-
ter Erwartungsdruck hinsichtlich seiner AttraktivitĂ€t fĂŒr soziale Kontakte,
Kommunikation, Freizeitgestaltung oder ĂŒberhaupt Selbstverwirklichung.â
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Wenn von theologischen Grundlagen islamischer Seelsorge gesprochen wird,
dann geht es in erster Linie um die Frage nach dem Stellenwert des Menschen
in der islamischen Theologie. Eine islamisch begrĂŒndete Seelsorge setzt eine
Gott-Mensch-Beziehung voraus, in der sich Gott fĂŒr den Menschen selbst und
fĂŒr seine GlĂŒckseligkeit hier und jetzt auf Erden, aber auch im Jenseits, interes-
siert. Denn in einer Theologie, in der es um Gott alleine geht, bleibt kaum Raum
fĂŒr die Frage nach der GlĂŒckseligkeit des Menschen. In diesem Zusammenhang
ergeben sich drei Fragen: Warum hat aus islamisch-theologischer Sicht Gott
den Menschen erschaffen? Welchen Stellenwert hat der Mensch im Islam? Und
wie sieht der Islam die Gott-Mensch-Beziehung? Durch die Antwort auf diese
drei Fragen wird in diesem Beitrag ein Entwurf einer Grundlage fĂŒr eine theo-
logische BegrĂŒndung islamischer Seelsorge vorgelegt.Westarp Science â Fachverlage
âïž Ende der Leseprobe âïž
Der vollstÀndige Artikel umfasst 14 Seiten
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