„Sein Blut komme über euch“ III - 13.4
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 80. EL 2024 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Der vorliegende Beitrag gibt einen Überblick über unterschiedliche Phasen
und Phänomene des christlichen Antijudaismus, der aufs Engste verbunden
ist mit der Vorstellung der Juden als „Christusmörder“, die verantwortlich
für die Kreuzigung Jesu seien. Schon die Evangelien sind voller innerjüdi-
scher Polemik, die später antijüdisch interpretiert wurde. Jesus von Nazareth
wurde der jüdischen Gemeinschaft entfremdet und „den Juden“ gegenüber-
gestellt. Die Abwertung alles Jüdischen gehört zu den Identitätsmerkmalen
der jungen Kirche; aus der religiösen Konkurrenz zwischen Kirche und
Judentum wurde schließlich die Verächtlichmachung und Verfolgung der
Juden qua Herkunft. An der Erzählung von der Passion Jesu entzündete
sich im Mittelalter eine Reihe antijüdischer Vorwürfe, die als Motiv für die
Vertreibung oder Ermordung von Juden dienten. Dazu gehören die Ritu-
almordlegende oder die Beschuldigung von Hostienschändung und Brun-
nenvergiftung. Die jüdische Leben-Jesu-Forschung schrieb vom 19.
Jh. an
eine Gegengeschichte, die aber von protestantischen Theologen missachtet
wurde. Im Dritten Reich kulminierte die christliche Judenfeindschaft in
einem entjudaisierten Jesus-Bild. Nach der Schoa ringen die Kirchen darum,
ihr Verhältnis zum jüdischen Volk neu zu bestimmen.SchlagwörterSchlagwörter
Adversus Iudaeus, Antijudaismus, Antisemitismus, Gottesmord, Hostien-
schändung, Jesus Christus, jüdische Suche nach dem historischen Jesus,
Kreuzigung, Neuer Bund, Ritualmordlegende, Schmerzensmann, Substi-
tutionstheorie
III - 13.4 „Sein Blut komme über euch“: Jesus Christus
als Motiv für christlichen Antijudaismus
[“His Blood Be On You”: Jesus Christ as a motif
for Christian anti-Judaism]
Rabbiner
Walter Homolka
Submitted December 01, 2023, and accepted for publication April 01, 2024
Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff
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III - 13.4 „Sein Blut komme über euch“ 2© Westarp Science Fachverlag
1 E
Der Satz „Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden
sollte, gab man ihm den Namen Jesus“ (Lk 2,21) verweist darauf, dass die Fa-
mi
lie Jesu von Nazareth als Juden unter Juden lebte.
2
Als Erstgeborener einer
jüdischen Familie wurde Jesus im Tempel ausgelöst; später lernte Jesus den
Beruf seines Vaters (Mk
6,3; Mt 13,55). Nach Lk 2,46 f. beeindruckte Jesus
die Jerusalemer Schriftgelehrten im Tempel schon mit zwölf Jahren mit seiner
guten Torakenntnis, was auf den Besuch eines Lehrhauses hindeutet, aber auch
ein fiktionaler Einschub sein kann, um ihn als herausragenden Toralehrer zu kennzeichnen. Jesu Muttersprache war galiläisches Westaramäisch; daneben muss er das Hebräische beherrscht haben, denn nach Lk
4,16 las Jesus aus der
Tora vor, bevor er sie auslegte.
SummarySummary
This article reviews the various phases and phenomena of Christian anti-
Judaism, which is closely linked to the idea of the Jews as “Christ-killers”
responsible for crucifying Jesus. The Gospels already are permeated by
internal Jewish polemics that were later interpreted in an anti-Jewish vein.
Jesus of Nazareth was alienated from the Jewish community and set in oppo-
sition to “the Jews.” The devaluation of all that was Jewish became one of the
defining characteristics of the young Church, and the religious competition
between the Church and Judaism eventually led to the contempt and perse-
cution of Jews based on their origin. In the Middle Ages, several anti-Jewish
accusations used to justify the expulsion or murder of Jews were sparked off
by the story of the Passion of Jesus. These included the blood libel, desecra-
tion of the Host, and the poisoning of wells. Jewish scholarship on the life of
Jesus, largely ignored by Protestant theologians since the 19th century, wrote
a counter-history. In the Third Reich, Christian hostility to Jews culminated
in a de-Judaized image of Jesus. After the Shoah, the churches struggled to
redefine their relationship with the Jewish people.
KeywordsKeywords
Adversus Iudaeus, anti-Judaism, anti-Semitism, blood libel, crucifixion,
deicide, desecration of the Host, Jesus Christ, Jewish Quest of the Historical Jesus, Man of Sorrows, new covenant, substitutionary theory
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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