Interreligiöse Seelsorge
Zwischenstandsbericht aus einem Arbeitsfeld[1]
Von Klaus Temme
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, irgendwo im Norden der alten Bundesrepublik: Die evangelische Krankenhauspfarrerin wird in der orthopädisch-chirurgischen Klinik der Stadt in ein Krankenzimmer auf der Frauenstation gerufen.2 Die Frauen hatten gesagt, sie wollten gerne über Unterschiede im Glauben reden. Am Tag zuvor war eine Mormonin als „Besucherin“ im Zimmer gewesen und hatte die Frauen sehr unruhig gemacht. In dem 4-Bett-Zimmer lagen u. a. eine katholische Frau und eine evangelische. Die Krankenhauspfarrerin sprach zunächst mit der katholischen Frau, weil sie diese aus langer ökumenischer Zusammenarbeit kannte, und dann mit der evangelischen Frau, zu der es auch schon eine gewisse Bekanntschaft gab. Als diese Gespräche zu Ende gingen, bat eine muslimische Patientin im selben Zimmer die Pfarrerin, ob sie wohl auch mit ihr reden würde. Sie sei im Krankenhaus und wolle eigentlich operiert werden, aber die ganze Familie - außer ihrem Mann sei dagegen: Mit dieser Operation würde sie ja in Allahs Plan eingreifen. Sie habe ja ihr ganzes Leben schon so gelebt und wäre mit dieser Krankheit geschaffen worden. Die Familie bliebe hart bei dieser Meinung. (Der Ehemann war auch im Raum anwesend, saß aber ganz in der Ecke.)
Die Krankenhauspfarrerin weiß zunächst nicht, wie sie reagieren soll. Sie fühlt sich nicht kompetent, zu einer Muslima zu reden. „Als ich sie aber so nah erlebe, fällt mir doch etwas ein. Ich sage zu ihr: ,Liebe Frau S., wir sind doch auch ohne Fell geschaffen und brauchen in der Kälte ein Feuer, eine Heizung, die uns wärmt und warme Sachen, die wir uns nähen. Ist es nicht auch in Allahs Sinn, dass wir uns vor Kälte und vor Krankheit schützen? Heißt nicht Allah auch der Allerbarmer?‘ Die Patientin beginnt, die Pfarrerin anzulächeln: „Also ist es auch in seinem Sinn, dass ich mich von der Krankheit befreie!“ Der Mann, der im Zimmer gesessen hat, weint und verlässt für kurze Zeit das Zimmer. Die Patientin wirkt gelöst, sie möchte aber wissen, woher die Pfarrerin solche Gedanken hätte. Die Pfarrerin sagt ausweichend etwas über die Bibel und erschrickt zugleich. Sie will auf keinen Fall, dass die Frau den Eindruck bekommt, sie wolle sie missionieren. Die Frau bittet darum, dass sie ihr eine Bibel bringt. Mit schlechtem Gewissen bringt die Pfarrerin am nächsten Tag eine Bibel.
Diese Falldarstellung wurde bei einem Kongress 1999 im Seelsorgeinstitut in Bethel (Bielefeld) in einer Peer-Supervisionsgruppe als Kleingruppe vor dem gesamten Plenum bearbeitet. Dabei sollte gleichzeitig eine Methodik der Supervision eingeübt werden, eine bestimmte, abgewandelte Form der Arbeit mit reflektierenden Teams. Als das Team diese Arbeit geleistet hatte, gab es viel Lob für die Kollegin und ihre Intuition und die behutsame Art, wie sie den Kontakt aufbaute und nutzte und auch eine Brücke zu einer geistlichen Lösung für die Patientin gefunden hatte. Die Kollegin konnte aber das ganze Lob, auch über ihre Art, ganz vorsichtig mit ihrer anfänglichen Unsicherheit umgegangen zu sein, gar nicht wirklich hören.
Nach einer weiteren Weile der Feedback-Arbeit bricht sie in Tränen aus und es geht dann nur noch um das Ende, ihre Gefühle der Scham, der Patientin eine Bibel gebracht zu haben. Sie spürt, dass sie an solchen Fragen nicht für sich gearbeitet hat, und ist sehr verunsichert und bleibt mit verwirrten Gefühlen und einer Mischung von Selbstvorwürfen und Verwunderung über ihre eigene, falsche Scham zurück.
Das alles spielte sich bei diesem Kongress ab, an dem ich teilnahm. So etwa war der Stand der Dinge, mit dem wir alle damals an solchen Gesprächssituationen gearbeitet haben. Es gab auch nicht wirklich Bezeichnungen für solche Gespräche. Wenn schon, dann sagten wir eher, dass dies „interkulturelle Gespräche“ wären, als dass wir sie „interreligiöse Gespräche“ genannt hätten.
In der Arbeit der Gesellschaft für interkulturelle Seelsorge und Beratung, auf die ich mich hier im Folgenden bei meinen Ausführungen fast ausschließlich beziehe, haben wir in dieser Zeit begonnen, uns dem speziellen Aspekt der interreligiösen Situationen zuzuwenden, daran zu arbeiten und auch darüber zu publizieren.3
Interreligiöse Seelsorge - wovon ist die Rede bei diesem Sprachgebrauch?
Bei meinen Ausführungen im Folgenden möchte ich aus dem weiten Arbeitsfeld zunächst drei Teilbereiche herausgreifen, die miteinander eng verwoben sind, bei denen ich es aber für gut halte, sie zunächst einmal zu differenzieren:
Interreligiöse Seelsorge zuerst als Bezeichnung für seelsorgliches Handeln und Seelsorgepraxis im engeren, konkreten Sinne des Wortes.
Zweitens dann interreligiöse Seelsorge als eine Seelsorge, die vom interreligiösen Dialog, vom Austausch, vom sharing über Aspekte seelsorglichen Handelns geprägt ist sowie von dem Versuch, sich gegenseitig transparent zu machen, was man denn jeweils in der einen oder anderen Religion real tut, wenn man seelsorglich helfendes Handeln mit anderen Menschen zu …
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Der vollständige Artikel umfasst 43 Seiten
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