Interreligiöser Dialog: Bahá’í
„Verkehret mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht …“
NICOLA TOWFIGH
Grundlage und Voraussetzungen des interreligiösen Dialogs
Die Beteiligung der Bahá’í am interreligiösen Dialog ist von der Überzeugung getragen, dass es nur einen Gott gibt, dass die Religionen einer einzigen Quelle entspringen, und dass es bildlich gesprochen zwar viele Tage gibt, aber nur eine Sonne:
„Ohne Zweifel verdanken die Völker der Welt, welcher Rasse oder Religion sie auch angehören, ihre Erleuchtung derselben himmlischen Quelle. Sie sind einem einzigen Gott untertan. Unterschiede der Regeln und Riten, denen sie folgen, mussen den wechselnden Erfordernissen und Bedurfnissen der Zeitalter zugeschrieben werden, in denen sie offenbart wurden.“1
Daraus folgt, dass auch kein Unterschied zwischen den Gottesboten besteht:
„Wisse und sei darin sicher, dass das Wesen aller Propheten Gottes eines und dasselbe ist. Ihre Einheit ist absolut. Gott, der Schöpfer, spricht: Es gibt keinerlei Unterschied zwischen den Trägern Meiner Botschaft. Sie alle haben nur ein Ziel, ihr Geheimnis ist das gleiche.“2
In den Bahá’í-Häusern der Andacht wird aus den Heiligen Schriften aller Hochreligionen vorgetragen - in Anerkennung der religiösen Wahrheit, die in der jeweiligen Heiligen Schrift dargelegt ist. Religionsstifter wie Moses, Buddha, Christus, Muhammad, Báb und Bahá’u’lláh werden als Boten Gottes und Verkünder der Wahrheit verehrt. Die Religionen gehen auf einen gemeinsamen Ursprung zurück, beziehen ihre Lehre und Kraft aus einer einzigen Quelle: mag diese nun Gott, Jahwe oder Allah genannt werden. In Bahá’u’lláh sehen die Bahá’í das bisher jüngste, aber nicht letzte Glied in der Kette der Religionsstifter, durch die Gott der Menschheit in jedem Zeitalter aufs Neue seine Führung zuteil werden lässt.
Diese Sichtweise bzw. dieses neue Paradigma von der Einheit der Religionen und dem einen, gemeinsamen Glauben kann helfen, zwischen Anhängern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften zu vermitteln. Die Überzeugung,
dass alle Offenbarungsreligionen von Gott stammen und ihre Unterschiede in ihrem historischen Auftreten gründen, während sich ihre Kernaussagen kaum voneinander unterscheiden, führt dazu, Deutungsmöglichkeiten zu entwickeln, die einander widersprechende Aussagen in einem versöhnlichen Licht erscheinen lassen oder gar in Übereinstimmung zu bringen. Dies hilft gelegentlich, starre Sichtweisen und einseitige Standpunkte aufzubrechen.
Der interreligiöse Dialog kann ein Weg sein, sich auf die eine Wahrheit zu besinnen, die allen Religionen zugrunde liegt. „Der Mensch muss das Licht lieben, gleichgültig, woher es kommt. Er muss die Rose lieben, gleichgültig, in welchem Boden sie wächst … Wenn wir die Religionen durchforschen, um die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien zu entdecken, so werden wir sie in Übereinstimmung finden, denn die grundlegende Wahrheit ist eine …“3
Der Dialog kann Kleingeistigkeit, Bigotterie, Vorurteile und Fanatismus überwinden helfen. Bahá’u’lláh ermahnt die Menschen, sich im Umgang miteinander nicht von der „Hitze törichter Unwissenheit“ übermannen zu lassen und erinnert in diesem Zusammenhang an den gemeinsamen Ursprung aller Menschen in Gott und an ihre Rückkehr zu Gott am Ende ihres Erdenlebens: „Alles hat seinen Anfang in Gott und alles kehrt zu Ihm zurück. Er ist aller Dinge Ursprung, und in Ihm haben alle Dinge ihr Ende.“4 Beherzigen die Dialogpartner diese Worte, so maßen sie sich kein Urteil über ihr Gegenüber an und begegnen einander mit Respekt und Demut. Diese Haltung umfasst auch Offenheit und die Bereitschaft, von anderen zu lernen und eigene Sichtweisen zu reflektieren. Auf diese Weise vertiefen die Gesprächspartner nicht nur ihr Wissen über die Glaubenslehren anderer Religionen, sondern erhalten auch Denkanstöße für das Verständnis ihres eigenen Glaubens. Dies gelingt dann am besten, wenn die Dialogpartner in einen Erkenntnisprozess eintreten, in dem sie sich der …
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Der vollständige Artikel umfasst 9 Seiten
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