Oehmen-Vieregge, Neue Beginen

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Neue Beginen ROSEL OEHMEN-VIEREGGE Renaissance der mittelalterlichen Beginenkultur Seit Mitte der 1980er Jahre entstehen in der Bundesrepublik Deutschland Fraueninitiativen und Frauenprojekte, die sich als gemeinsames Ziel eine „Renaissance der Beginenkultur“1 gesetzt haben. Diese zumeist in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins gegründeten Zusammenschlüsse tragen Namen wie BeginenWerk e.V., Bremer Beginenhof Modell e.V., Beginen Heute e.V., Schwerter Beginenhof e.V. und stellen sich mit ihren Programmen in eine Traditionslinie mit den Beginen des Mittelalters. Die Bezeichnung Begine galt seit dem 12. Jh. für alleinstehende Frauen, die ein Leben in Wohnund Arbeitsgemeinschaften außerhalb des Klosters wählten. Jeder Beginenkonvent lebte nach eigenen Regeln, die das Zusammenleben, die Vermögensverhältnisse und die Leitung der Gemeinschaft ordneten. Eine lebenslange Bindung an die Gemeinschaft wurde nicht verlangt. Es wurde jedoch erwartet, dass jede Frau - sei es in einem Handwerk, in der Krankenpflege oder im Bestattungswesen, als Haushälterinnen oder als Lehrerinnen - für den Unterhalt des Konventes und damit zugleich für den eigenen Unterhalt sorgen konnte. In Frankreich, Belgien und den Niederlanden, in Ostdeutschland und den baltischen Ländern, in den Städten entlang des Rheins bis in den Bodenseeraum und in die Schweiz sind seit dem 12. Jh. zahlreiche Beginenniederlassungen entstanden. Die Beginenhöfe in Flandern (z.B. in Brügge, Leuven, Antwerpen) sind bis heute erhalten und für die Neuen Beginen historisches Vorbild und Modell bei der Realisierung einer Kultur des Zusammenlebens, die auf Selbstbestimmung und Solidarität gründet. Die Planung und Gestaltung von Wohnprojekten, die ein Lebensumfeld von Frauen für Frauen schaffen sollen, ist ein programmatischer Schwerpunkt der Neuen Beginen, die eine mittelalterliche Lebensform in heutige kulturelle, soziale, wirtschaftliche und karitative Kontexte adaptieren wollen. Die Architektur des modernen Beginenhofes beruht auf ökologischen Konzepten in Verbindung mit einer auf Lebensqualität und Individualität ausgerichteten Ästhetik. Die Raumgestaltung der Beginenhöfe eröffnet Frauen die Möglichkeit, gemeinschaftsorientiert und generationsübergreifend zu wohnen und zu leben. Da jede Frau über eine eigene Wohneinheit verfügen kann, bleiben Privatsphäre und Eigenständigkeit gewahrt. Zugleich aber schafft diese Lebensform Raum für geistigen Austausch und Begegnung, und bietet Unterstützung in Krisen- zeiten. Die Neuen Beginen verwenden für diese Strategie gegen gesellschaft - liche Vereinzelung den Begriff der „Wahlverwandtschaft“, der einen neuen Typus sozialer Bindungen bezeichnet, die auf Freiwilligkeit, Solidarität und Verbundenheit beruhen. Der feministische Hintergrund der Neuen Beginen wird besonders deutlich in der Rezeption des affidamento. Der Begriff und das Konzept des affidamento wurden in den 1980er Jahren durch die Frauen des Mailänder Frauenbuchladens in den feministischen Diskurs eingebracht. Affidamento steht für eine Haltung des gegenseitigen sich-Anvertrauens. Diese Haltung ermöglicht Beziehungen, in denen Frauen einander Autorität zusprechen und einander Begleitung in ihrer persönlichen Entwicklung sein können. Die italienischen Feministinnen verweisen in diesem Zusammenhang auf das Buch Ruth, eine biblische Geschichte, die von Noemi und ihrer Schwiegertochter Ruth erzählt und als Lehrbeispiel für das Programm des affidamento gilt. Das den Neuen Beginen gemeinsame Zeichen ist die Spirale, gedeutet als Symbol für weibliche Entfaltung. Die künstlerische Gestaltung dieses Symbols präsentiert sich in vielfältigen Variationen und hebt somit auch optisch die Individualität der einzelnen Beginengruppen hervor. Das Prinzip der …
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