Bund der Baptistengemeinden in Österreich II - 2.2.2.12
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 55. EL 2018 1
II - 2.2.2.12 Bund der Baptistengemeinden in Österreich
VON CHRISTIAN FEICHTINGER
Zusammenfassung
Die Baptisten sind seit über 150 Jahren Teil der Geschichte des Christentums
in Österreich. Die ersten Baptisten in Österreich trotzten den schwierigen
religionspolitischen Umständen des mittleren und späten 19. Jahrhunderts
und gründeten 1869 die erste freikirchliche Gemeinde Österreichs. Durch
das Wirken des bekannten Pastors Arnold Köster konnte sich der Baptismus
in Österreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts endgültig etablieren.
Heute ist der Bund der Baptistengemeinden in Österreich Teil des Bünd-
nisses Freikirchen in Österreich und gilt damit als gesetzlich anerkannte
Kirche. Der österreichische Baptismus ist heute besonders geprägt durch
seine sprachliche und ethnische Vielfalt, wobei hier vor allem Gläubige mit
rumänischem Migrationshintergrund eine bedeutsame Rolle spielen.
Schlagwörter
Baptisten, Freikirchen, Protestantismus in Österreich, Arnold Köster
Summary
For more than 150 years, Baptists have been part of Christian history in Aust-
ria. In spite of the difficult religious-political circumstances in Austria during
the 19th century, the first Austrian Baptists put great effort on spreading their
message and founded the first Free Church congregation in Austria in 1869.
Due to the successful work of the influential pastor Arnold Köster, the Baptist
tradition was finally established in Austria during the first half of the 20th cen-
tury. Today, the Bund der Baptistengemeinden in Österreich (Union of Baptist
Congregations in Austria) is part of the alliance Freikirchen in Österreich (Free
Churches in Austria), a church officially recognized by the law. The Baptist
church in Austria is characterized by linguistic and ethnic diversity, with a par-
ticularly high number of believers with migration background from Romania.
Keywords
Baptists, Free Church, Protestant denominations in Austria, Arnold Köster
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Die Baptisten gehören zu den weltweit größten und meistverbreiteten freikirch-
lichen Traditionen. Ihre Wurzeln liegen im englischen Puritanismus des frühen
17. Jahrhunderts. Von England aus verbreitete sich der Baptismus zunächst in
den USA, später durch intensive Missionstätigkeit in der ganzen Welt. Auf
Grund ihrer dezentralen Organisation, die von der Unabhängigkeit der Einzel-
gemeinde ausgeht und keine verbindlichen übergeordneten Strukturen kennt,
existiert innerhalb der baptistischen Weltgemeinschaft ein breites theologisches
Spektrum, das von sehr liberal bis fundamentalistisch, von charismatisch bis
streng bibelorientiert reichen kann.
Selbstverständnis
Der Name ‚Baptisten‘ war ursprünglich eine Fremdbezeichnung für die auf das
Wirken von John Smyth (1554 – 1612) und Thomas Helwys (1550 – 1616) zu-
rückgehenden christlichen Gemeinden in England. Sie bezog sich auf deren für
Außenstehende hervorstechendstes Merkmal: Die Taufe wurde nur an Glau-
benden auf deren Verlangen hin vollzogen, und sie geschah durch vollständiges
Untertauchen. Dennoch wurde der Name ‚Baptists‘ ab 1650 auch als Selbstbe-
zeichnung übernommen. Diese explizite Bezugnahme auf die Taufpraxis ver-
schleiert oft andere, für baptistisches Denken ebenso wichtige, Prinzipien: Die
Bibel als oberste und einzige Richtschnur des Glaubens (weswegen es keine
verbindlichen Glaubensbekenntnisse gibt)
i
, die Betonung der Unabhängigkeit
der Einzelgemeinde (weswegen es nur Bünde und Allianzen, aber keine über-
geordnete Struktur gibt), und die Bedeutung der persönlichen Hinwendung und
Beziehung des Einzelnen zu Gott, aus der sich die besondere Taufpraxis über-
haupt erst ableitet. Die Gemeinde konstituiert sich allein aus jenen, die sich in
einer bewussten Entscheidung auf das Bekenntnis ihres Glaubens taufen ließen.
Wie alle Freikirchen, legen auch die Baptisten großen Wert auf eine klare Tren-
nung von Kirche und Staat und haben sich in der Geschichte Verdienste um die
Durchsetzung von Religions- und Gewissensfreiheit erworben. Ebenso gehört
die Betonung des Priestertums aller Gläubigen zu den wesentlichen Kennzeichen
der baptistischen Tradition, wenngleich die Autorität des Pastors, je nach pasto-
raler und kultureller Prägung einer Gemeinde, auch sehr hoch sein kann. Mission
und Diakonie werden als essenzielle Aufgaben jeder Gemeinde angesehen.
ii
Nach Walter Shurden kann das baptistische Selbstverständnis an vier Freiheiten
festgemacht werden: Die Freiheit des einzelnen Menschen, sich persönlich für
den Glauben zu entscheiden, die Freiheit eines jeden, die Bibel zu lesen und
zu interpretieren, die Freiheit der Kirche und der einzelnen Gemeinde, und
schließlich die Religionsfreiheit aller Menschen.
iii
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