Kaiser, Die Evangelischen und ihre Lieder

📖 Leseprobe – 2 von 55 Seiten
Die Evangelischen und ihre Lieder II - 2.1.2.6.2 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 48. EL 2016 1 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 08.06.2016  2. AK  Seite 1 II - 2.1.2.6.2 Die Evangelischen und ihre Lieder – Ein hymno- logischer Überblick vom 16. bis 21. Jahrhundert Von Jochen Kaiser FĂŒr den evangelischen Glauben und Gottesdienst sind Lieder unverzichtbar. Ein wesentliches Merkmal der „Evangelischen“ waren von Anfang an ihre Lieder. Die Geschichte des Protestantismus zeigt die große Bedeutung des gesungenen Glaubens fĂŒr die Menschen. Der Artikel folgt in seiner zeitlichen Einteilung dem Evangelischen Gesangbuch (EG).  Jedes Jahrhundert beginnt, quasi als Überschrift, mit einem oder zwei Liedern. So soll trotz papierener Form das, worum es in diesem Artikel geht, als Erstes stehen: Lieder.  Einige Anmerkungen zur gesellschaftlichen und religiösen Lage, einige bedeu- tende Lieddichter und einige Lieder werden vorgestellt und analysiert. Nicht die VollstĂ€ndigkeit der Komponisten, Dichter oder Lieder steht hier im Mittelpunkt – ein Überblick dieser Art ist in der „Beigabe zur Liederkunde“ im EG zu fin- den –, sondern exemplarisch werden gesellschaftlich-religiöse Entwicklungen, Lieddichter und Lieder aufgenommen, die fĂŒr ihre Zeit und fĂŒr das Singen heute Bedeutung haben. Das 16. Jahrhundert Martin Luther 1523, aus dem Achtliederbuch --- Seite 1 Ende --- II - 2.1.2.6.2 Die Evangelischen und ihre Lieder 2 Das 16. Jahrhundert ist durch massive religiöse und damit auch gesellschaftliche UmwĂ€lzungen geprĂ€gt. Ein wichtiger Ausgangspunkt war der aufkommende Humanismus. Als bedeutendster Vertreter gilt Erasmus von Rotterdam. Er ver- band den Humanismus mit der Idee der Bildung zum echten Menschsein. So trafen Luthers ReformvorschlĂ€ge auf einen fruchtbaren Boden, denn sie wur- den im Sinne des Humanismus verstanden, auch wenn Martin Luther, anders als Philipp Melanchthon, Martin Bucer, Ulrich Zwingli und Jean Calvin, dem Humanismus nicht nahestand. Das Lied „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“, Nr. 1 des ersten Gesang- buchs lutherischer Provenienz, dem „Achtliederbuch“ aus dem Jahr 1523/24, steht als LiedĂŒberschrift des 16. Jahrhunderts. Es wurde 1523 von Martin Lu- ther (1483 bis 1546) geschrieben. Damit steht es am Anfang von vielen Liedern, die im 16. Jahrhundert den neuen Glauben in die Herzen der Menschen sangen. Der Erfolg des gesungenen Evangeliums konnte auf einer Liedtradition, die am Ende des Mittelalters entstanden war, aufbauen. 1 Programmatisch entfaltet „Nun freut euch“ nicht nur die neue Theologie – „Mein guten Werk, die galten nicht. [...] Da jammert Gott in Ewigkeit [...] er dacht an sein Barmherzigkeit [...] er wandt zu mir das Vaterherz“ –, sondern lĂ€sst die Stimmung eines fröhlichen Glaubens erklingen – die hĂŒpfende und springende Melodie drĂŒckt dies aus sowie die stimmungsmĂ€ĂŸige Aufforderung am Anfang: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein und lasst und fröhlich springen.“ Darin ist das Wissen um den gnĂ€digen Gott zu erkennen. Reformation Das prĂ€gende Geschehen des 16. Jahrhunderts in Deutschland war die Reforma- tion. Als konkreter Zeitpunkt fĂŒr den Beginn der Reformation gilt der Thesen- anschlag Luthers am 31. Oktober 1517 an der SchlosskirchentĂŒr in Wittenberg. An diesem Vorabend des Allerheiligenfestes hinterfragte Luther anhand der Bibel die gĂ€ngige Praxis des Ablasshandels, der der Kirche viel Geld einbrachte und den GlĂ€ubigen suggerierte, dass sie vom Fegfeuer errettet wĂŒrden. Seit einigen Jahren war der Buchdruck erfunden und so konnten sich neue Gedan- ken nicht nur von Mund zu Mund, sondern viel schneller und wirksamer durch gedruckte FlugblĂ€tter verbreiten. Dieses Medium half, die ersten neuen Lieder unters Volk zu bringen. So steht Martin Luther mit seinen Liedern und einigen Lieddichtern aus seiner Umgebung am Anfang der Besprechung. Weitere Zentren von neuen Liedern sind die Böhmischen BrĂŒder, die auf Jan Hus zurĂŒckgehen, Straßburg mit Mar-Westarp Science – Fachverlage
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Der vollstÀndige Artikel umfasst 55 Seiten