Die Evangelischen und ihre Lieder - Ein hymnologischer Überblick vom 16. bis 21. Jahrhundert
Von Jochen Kaiser
Für den evangelischen Glauben und Gottesdienst sind Lieder unverzichtbar. Ein wesentliches Merkmal der „Evangelischen“ waren von Anfang an ihre Lieder. Die Geschichte des Protestantismus zeigt die große Bedeutung des gesungenen Glaubens für die Menschen. Der Artikel folgt in seiner zeitlichen Einteilung dem Evangelischen Gesangbuch (EG).
Jedes Jahrhundert beginnt, quasi als Überschrift, mit einem oder zwei Liedern. So soll trotz papierener Form das, worum es in diesem Artikel geht, als Erstes stehen: Lieder.
Einige Anmerkungen zur gesellschaftlichen und religiösen Lage, einige bedeutende Lieddichter und einige Lieder werden vorgestellt und analysiert. Nicht die Vollständigkeit der Komponisten, Dichter oder Lieder steht hier im Mittelpunkt - ein Überblick dieser Art ist in der „Beigabe zur Liederkunde“ im EG zu finden -, sondern exemplarisch werden gesellschaftlich-religiöse Entwicklungen, Lieddichter und Lieder aufgenommen, die für ihre Zeit und für das Singen heute Bedeutung haben.
Das 16. Jahrhundert
Martin Luther 1523, aus dem Achtliederbuch
Das 16. Jahrhundert ist durch massive religiöse und damit auch gesellschaftliche Umwälzungen geprägt. Ein wichtiger Ausgangspunkt war der aufkommende Humanismus. Als bedeutendster Vertreter gilt Erasmus von Rotterdam. Er verband den Humanismus mit der Idee der Bildung zum echten Menschsein. So trafen Luthers Reformvorschläge auf einen fruchtbaren Boden, denn sie wurden im Sinne des Humanismus verstanden, auch wenn Martin Luther, anders als Philipp Melanchthon, Martin Bucer, Ulrich Zwingli und Jean Calvin, dem Humanismus nicht nahestand.
Das Lied „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“, Nr. 1 des ersten Gesangbuchs lutherischer Provenienz, dem „Achtliederbuch“ aus dem Jahr 1523/24, steht als Liedüberschrift des 16. Jahrhunderts. Es wurde 1523 von Martin Luther (1483 bis 1546) geschrieben. Damit steht es am Anfang von vielen Liedern, die im 16. Jahrhundert den neuen Glauben in die Herzen der Menschen sangen. Der Erfolg des gesungenen Evangeliums konnte auf einer Liedtradition, die am Ende des Mittelalters entstanden war, aufbauen.1 Programmatisch entfaltet „Nun freut euch“ nicht nur die neue Theologie - „Mein guten Werk, die galten nicht. [...] Da jammert Gott in Ewigkeit [...] er dacht an sein Barmherzigkeit [...] er wandt zu mir das Vaterherz“ -, sondern lässt die Stimmung eines fröhlichen Glaubens erklingen - die hüpfende und springende Melodie drückt dies aus sowie die stimmungsmäßige Aufforderung am Anfang: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein und lasst und fröhlich springen.“ Darin ist das Wissen um den gnädigen Gott zu erkennen.
_Reformation_
Das prägende Geschehen des 16. Jahrhunderts in Deutschland war die Reformation. Als konkreter Zeitpunkt für den Beginn der Reformation gilt der Thesenanschlag Luthers am 31. Oktober 1517 an der Schlosskirchentür in Wittenberg. An diesem Vorabend des Allerheiligenfestes hinterfragte Luther anhand der Bibel die gängige Praxis des Ablasshandels, der der Kirche viel Geld einbrachte und den Gläubigen suggerierte, dass sie vom Fegfeuer errettet würden. Seit einigen Jahren war der Buchdruck erfunden und so konnten sich neue Gedanken nicht nur von Mund zu Mund, sondern viel schneller und wirksamer durch gedruckte Flugblätter verbreiten. Dieses Medium half, die ersten neuen Lieder unters Volk zu bringen.
So steht Martin Luther mit seinen Liedern und einigen Lieddichtern aus seiner Umgebung am Anfang der Besprechung. Weitere Zentren von neuen Liedern sind die Böhmischen Brüder, die auf Jan Hus zurückgehen, Straßburg mit Mar-
tin Bucer und Konstanz mit Johannes Zwick. In der Schweiz wurde
Ulrich Zwingli das Singen im Gottesdienst abgelehnt, Jean Calvin erlaubte nur den einstimmigen Gesang von Psalmen.
Martin Luther war mit seinen Lebensvorstellungen sehr dem Mittelalter verbunden. Er brach das Jurastudium ab und wurde Augustinermönch. Er studierte dann Theologie und wurde Professor für Theologie. In dieser Funktion beschäftigte er sich mit der Bibel und erkannte, dass die Kirche in einigen Punkten ihrer Verkündigung von der Bibel abwich. Besonders das Gottesbild wandelte sich von einem strafenden Richter hin zu einem liebenden Vater („er wandt zu mir das Vaterherz“).
Das Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ ist eine Vertonung des 130. Psalms (De profundis - steht über den ersten beiden Veröffentlichungen im Achtliederbuch und im Erfurter Enchiridion, beide 1524, in einer vierstrophigen Fassung). Dieser sechste Bußpsalm wurde von Luther zu den „psalmi paulini“ gerechnet, weil die Rechtfertigung benannt wird.2 Im Psalm heißt es: „Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“ Im Lied wird dies im Sinne Luthers noch deutlicher formuliert:
„Bei dir gilt nichts denn Gnad und …
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Der vollständige Artikel umfasst 55 Seiten
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