Rinne, Annemarie Schimmels Religionsforschung zwischen emanzipatorischer Wahl und androzentrischem Zwang

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Annemarie Schimmels Religionsforschung I - 34.5 Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 86. EL 2025 1 ZusammenfassungZusammenfassung In diesem Beitrag werden am Beispiel von Prof. Dr. Dr. Annemarie Schim- mel (1922‒2003) Herausforderungen aufgezeigt, mit denen Wissenschaftle- rinnen in der deutschsprachigen Religionswissenschaft konfrontiert waren und sind. Obwohl Schimmel international bekannt war, ein großes wissen- schaftliches Œuvre vorzuweisen hat und u.  a. aufgrund ihrer islamwissen- schaftlichen Expertise und ihres sprachlichen Talents zahlreiche neue und mutige Forschungsimpulse setzte, wird ihre wissenschaftliche Expertise in öffentlichen Diskursen im deutschsprachigen Raum vor allem auf die Kontroverse um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1995) re- duziert. Das spiegelt eine Problematik selektiver Erinnerungskultur, die von strukturellen Machtdynamiken gekennzeichnet ist. Die Autorin fordert eine gendersensible Auseinandersetzung mit der Fachgeschichte und plädiert da- für, Marginalisierungsprozesse in der Wissenschaft zu entlarven und ver- nachlässigten Ansätzen mehr Raum zu geben. SchlagwörterSchlagwörter Religionswissenschaft, Fachgeschichte, Annemarie Schimmel, Wissen- schaftlerinnen, Klassikerinnen, ausschließende Einschließung, Erzählpo- litiken, Machtdynamiken, Erinnerungskultur I - 34.5 Annemarie Schimmels Religionsforschung zwischen emanzipatorischer Wahl und androzentrischem Zwang [Annemarie Schimmel’s religious research between emancipatory choice and androcentric compulsion] Paulina Rinne Submitted March 5, 2025, and accepted for publication April 4, 2025 Editors: Doris Decker, Marita Günther, Verena Maske --- Seite 1 Ende --- I - 34.5 Annemarie Schimmels Religionsforschung 2© Westarp Science Fachverlag SummarySummary This article uses the example of Prof. Dr. Dr. Annemarie Schimmel to fo- cus on the challenges that female scholars in German-language religious studies were and are confronted with. Although Schimmel achieved wides- pread international renown, has a large academic oeuvre to her name and, thanks to her expertise in study of Islam and her linguistic talent, among other things, provided numerous new and courageous research impulses, her academic expertise is reduced in public discourse in German-speaking countries primarily to the controversy surrounding the Peace Prize of the German Book Trade (1995). This reflects the problem of selective memory culture, which is characterised by structural power dynamics. The author calls for a gender-sensitive examination of the history of the discipline and advocates exposing marginalisation processes in academia and giving more space to neglected approaches. KeywordsKeywords Religious studies, history of the discipline, Annemarie Schimmel, female scholars, classics, exclusionary inclusion, narrative politics, power dynamics, culture of remembrance 1 Einleitung: Der androzentrische Käfig religionswissenschaftlicher F orschung Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gab am 04.05.1995 die Ver- leihung des Friedenspreises „als ein Zeichen für die Begegnung, nicht die Konfrontation der Kulturen, als ein Zeichen für Duldsamkeit, Poesie und Welt- kultur, welche die Formen des Andersseins achtet“ 1 an die Islam- und Religi- onswissenschaftlerin Prof. Dr. Dr. Annemarie Schimmel (1922‒2003) bekannt. Das am gleichen Tag in den Tagesthemen gesendete Interview mündete in eine heftige Kontroverse: Schimmel hatte darin Verständnis für Gläubige ausge- drückt, die sich von den Aussagen der islamkritischen Autor*innen Salman Rushdie und Taslima Nasrin verletzt fühlten. Obwohl die Wissenschaftlerin sich vier Tage später klar gegen die Fatwa aussprach, die der iranische Ayatol- lah Khomeini 1989 gegen Rushdie erlassen hatte, forderten mehrere Verlage sowie bekannte Persönlichkeiten, darunter Elfriede Jelinek, Herta Müller und Uwe Timm, Anfang September  1995, die Verleihung zurückzuziehen. Sie kriti- sierten Schimmel als Unterstützerin iranischer und pakistanischer Diktaturen. 2
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