I - 34.3 Körper, Wissen, Weiblichkeit - feministische Spiritualitäten [Body, Knowledge, Femininity - Feminist Spiritualities] Marita Günther
Zusammenfassung
Dieser Beitrag stellt Entwicklungen und aktuelle Entwürfe innerhalb des vielfältigen Feldes feministischer Spiritualitäten vor, gibt einen Einblick in den Forschungsstand und bespricht den bezeichnenden Begriff „feministische Spiritualitäten“. Entwicklungs- und Rezeptionslinien, gemeinsame Grundzüge, aber auch die Vielfalt der spirituellen Konzepte und Praktiken werden schwerpunktartig und exemplarisch anhand „matriarchaler“ Spiritualität und digitaler Medientrends wie heilige Weiblichkeit und „weibliche“ Energien thematisiert. Mit dem Ansatz religionswissenschaftlicher Genderforschung wird die Bedeutung spiritueller geschlechtsspezifischer Entwürfe für gesellschaftliche wie individuelle Dynamiken in Geschlechter- und Machtverhältnissen aufgezeigt.
Schlagwörter: Feministische Spiritualität, Göttinspiritualität, Geschlecht, Wissen, Körper, heilige Weiblichkeit, Hexen, Digitalität, spirituelle Influencer*innen
Summary
This article presents developments and current concepts within the diverse field of feminist spiritualities. It provides an insight into the state of research and discusses the significant term “feminist spiritualities”. Historical developments and interpretation, common characteristics but also the diversity of spiritual concepts and practices are presented by examples of matriarchal spirituality and digital media trends such as divine feminine and feminine energies. The approach of gender research in the study of religions demons-
Submitted March 5, 2025, and accepted for publication July 15, 2025 Editors: Doris Decker, Marita Günther, Verena Maske
trates the significance of spiritual gender-specific designs for societal and individual dynamics in gender and power relations.
Keywords: Feminist spirituality, goddess movement, gender, knowledge, body, divine feminine, witches, digitality, spiritual influencers
1 Einleitung
Der Begriff „feministische Spiritualitäten“ umschreibt im Forschungskontext ein weites Feld, das sich auf Entwicklungen neuer religiöser Formen innerhalb der Frauenbewegung ab den 1970er-Jahren bezieht. Politische emanzipative Forderungen gingen einher mit dem Beginn akademischer Frauen- und Geschlechterforschung - hinterfragt wurden dabei die androzentrisch geprägten Wissenschaften wie die bisherige Geschichtsschreibung. Religiöse bzw. spirituelle Akteur*innen kritisierten ungleiche religiöse Macht- und Geschlechterordnungen und etablierten sich selbst als Autoritäten und meist in Abgrenzung von als patriarchal verstandenen Strukturen und Religionen. In Bezugnahme auf unterschiedliche religiöse Traditionen wurden neue Formen und Inhalte entwickelt, die in offenen, netzwerkartigen Strukturen gelebt wurden. Das Konzept einer alles umfassenden Göttin sowie Göttinnen aus verschiedenen religiösen Traditionen erlangte als Symbol für (heilige) Weiblichkeit und Macht und gegen die misogyne Abwertung von Frauen zentrale Bedeutung. Der „weibliche“ Körper und damit verbunden geschlechtsspezifisch zugeordnetes Wissen waren und sind zentral in den Konzeptionen und Praktiken feministischer Spiritualitäten. Eine damit oftmals zusammenhängende Annahme einer alle Frauen verbindenden Körperlichkeit und eines sozialen wie individuellen Erlebens wird von der intersektionalen Geschlechterforschung sowie von queerfeministischen Positionen kritisch hinterfragt und kann in den gelebten Praxen Konflikte mit sich bringen.
In den 1980er-Jahren erreichten die Vielfalt und Beliebtheit magischer Praktiken, Rituale mit Bezug auf die Göttin oder verschiedene Göttinnen sowie auf Frauen und Weiblichkeitskonzepte bezogene Spiritualität einen Höhepunkt, der von Kritiken aus feministischen Positionen wie auch aus wissenschaftlich-akademischer Forschung heraus begleitet wurde. Innerhalb der 1990erJahre schienen feministische Spiritualitäten zunächst weniger präsent, bis es seit spätestens Mitte der 2010er-Jahre zu einer stärkeren Popularisierung und zu weiteren Entwicklungen kam, die sich in einem Spannungsfeld zwischen
Re-Essentialisierungen und neuen vielfältigen Geschlechterverständnissen befinden. Sie sind in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen im Feld von Religion(en) sowie in eine v. a. seit 2020 beschleunigte Digitalisierung und den damit einhergehenden Einfluss sozialer Medien eingebunden.
In diesem Beitrag werden zunächst Forschungen und bezeichnende Begriffe vorgestellt, bevor Rezeptionslinien, gemeinsame Grundzüge sowie die Vielfalt der spirituellen Konzepte und Praktiken beschrieben werden. Dies erfolgt schwerpunktartig und exemplarisch für den deutschsprachigen Raum zu „matriarchaler“ Spiritualität sowie aktuellen Entwicklungen von digitalen Medientrends und Praktiken zu „heiliger Weiblichkeit“ und „weiblichen Energien“ und kosmischen Zyklen, bevor abschließende …
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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