Hoberg, Schöpfung und Entscheidung – Körper, Geschlecht und Sexualität im evangelikalen Christentum

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I - 34.2 Schöpfung und Entscheidung - Körper, Geschlecht und Sexualität im evangelikalen Christentum [Creation and Decision - Body, Gender and Sexuality in Evangelical Christianity] Verena Hoberg Zusammenfassung Der Artikel untersucht den Möglichkeitsraum leiblicher Erfahrung im evangelikalen Christentum: Welche Erfahrungen von Geschlechtlichkeit werden mit den evangelikalen Normierungen nahegelegt, welche tendenziell ausgeschlossen? Welche Möglichkeiten werden durch die evangelikale Religiosität eröffnet, die Vorstellungen, über die der Körper konstruiert wird, und die leiblichen Erfahrungen dieses Körpers zu verhandeln? Welche diskursiven Grenzen werden gesetzt? Die zunächst so eindeutig erscheinende, in Gottes Schöpfung begründete evangelikale Geschlechterordnung zeigt sich dabei nicht ohne Widersprüche, Unbestimmtheiten und Räume für Ambiguitäten und Umdeutungen. Diese Dynamik wird von außen wenig wahrgenommen, denn DER Evangelikalismus präsentiert sich über bestimmte antimoderne Identifikationsmarker und stellt andere Positionen erfolgreich außerhalb dieses Evangelikalismus. Schlagwörter: Evangelikale Religiosität; Konstruktion und Verhandlung Geschlechternormierungen Summary The article examines the possibilities of bodily experience in evangelical Christianity: Which experiences of gender are suggested by evangelical norms, and which tend to be excluded? What possibilities are opened up by evangelical religiosity to negotiate the ideas through which the body is constructed and the bodily experiences of this body, and what discursive Submitted March 5, 2025, and accepted for publication September 9, 2025 Editors: Doris Decker, Marita Günther, Verena Maske limits are set? The evangelical gender order, which initially appears so clear and is justified in God’s creation, is not without contradictions, indeterminacies and spaces for ambiguities and reinterpretations. This dynamic is little recognised from the outside, because THE evangelicalism presents itself through certain anti-modern identification markers and successfully places other positions outside of this evangelicalism. Keywords: Evangelical religiosity; construction and negotiation of gender norms 1 Einleitung Im deutschsprachigen Raum existieren wenig Forschungen zu Geschlechterthemen im evangelikalen Christentum. Dies ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass sich evangelikale Gruppierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren Positionen weniger sichtbar als etwa in den USA, aber auch in einzelnen südamerikanischen, afrikanischen oder asiatischen Ländern in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs einbringen. Der Evangelikalismus ist im deutschsprachigen Raum kleiner, privater, weniger öffentlich und weniger politisch als in den USA, wo am meisten zu dem Thema geforscht wird. Auch wenn der Anteil von Menschen, die einer Freikirche angehören, etwa in der Schweiz relativ zu den Mitgliedern der Landeskirchen wächst und evangelikale Gruppen in Landeskirchen eine gewisse Bedeutung haben1 , so machen doch evangelikale Christinnen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus.2 Evangelikale Positionen zu Geschlecht und Sexualität werden vielleicht auch aus diesen Gründen leicht als das Andere, im Mainstream der Gesellschaft Überkommene, angesehen, das als fundamentalistische, antimoderne Reaktion auf diese Gesellschaft schon bekannt ist und keiner genaueren Untersuchung und forschenden Auseinandersetzung bedarf. Dieser Beitrag möchte versuchen aufzuzeigen, wie die evangelikale Religiosität den Umgang mit Geschlecht und Sexualität in ganz spezifischer Weise formt - wie die Glaubensgemeinschaft Geschlechterbilder als göttlich gewollt festschreibt und wie evangelikale Christinnen diese Bilder verinnerlichen und verhandeln. 2 Methodisches Vorgehen: Der evangelikale Möglichkeitsraum leiblicher Erfahrung Für dieses Vorhaben wird ein strukturalistischer Ansatz gewählt. Es wird davon ausgegangen, dass bestimmte idealtypische evangelikale Strukturelemente rekonstruiert werden können, die Entscheidungsparameter für eine Lebenspra xis vorgeben. Die Lebenspraxis setzt die Parameter je nach gesellschaftlichem Kontext und je nach individueller Biografie unterschiedlich um. Grundlage für das Vorgehen bildet die Methode der objektiven Hermeneutik.3 Die begriffliche Grundlage ist dem phänomenologischen Körper-Leib-Ansatz entnommen, den Gesa Lindemann für die Geschlechterforschung fruchtbar gemacht hat. Dieser Ansatz bietet ein „Instrumentarium, mit dessen Hilfe es möglich ist, den Körper als sozial und damit als nicht natürlich (im Sinne von vorgesellschaftlich) zu begreifen, ohne seine Materialität und die an diese geknüpfte Erfahrung des Selbst aus dem Blick zu verlieren“.4 Geht es im Folgenden um Konstruktionen von Geschlecht, wird vom Körper die Rede sein, soll das individuelle Erleben angesprochen werden, das vermittelt ist über das soziale Muster des Körpers, in dem sich aber auch Abweichungen ereignen können, spreche ich vom Leiblichen. Zunächst soll eine …
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