Boerger, Subversionen der Deutungshoheit

📖 Leseprobe – 2 von 16 Seiten
I - 30.6 Subversionen der Deutungshoheit - Praktische Theologie intersektional [Subversions of Interpretive Power - Intersectional Practical Theology] Christian Boerger Zusammenfassung Ausgehend von einer Verortung im Feld der Praktischen Theologie und der Fokussierung auf homiletische und liturgiewissenschaftliche Forschung im Rahmen lutherischer kirchlicher Praxis, blickt der vorliegende Beitrag im Besonderen auf die v. a. in der Theologie rezipierte „kritische IntersektionalitĂ€t“, die als Ziel aller intersektionaler BemĂŒhungen den Abbau epistemischer Gewalt beschreibt. In zwei Schritten wird daraufhin die gegenwĂ€rtige deutschsprachige Forschung der Homiletik und Liturgik auf ihre IntersektionalitĂ€tssensibilitĂ€t und damit auf die im Fach vorhandenen Möglichkeiten zum besagten Abbau epistemischer Gewalt hin analysiert. FĂŒr den homiletisch-liturgischen Kontext werden diese besonders im Ă€sthetischinszenatorischen Zugriff der besagten Felder gesehen, der die Möglichkeit zur Subversion der Deutungshoheit in gottesdienstlichen VollzĂŒgen eröffnet. Schlagwörter: IntersektionalitĂ€t, Theologie, Homiletik, Predigt, Liturgik, Gottesdienst, lutherisch Summary Starting from a localization within the field of practical theology and focusing on homiletic and liturgical research in the context of Lutheran ecclesial practice, this article looks in particular at ‘critical intersectionality’ that has been especially adopted in theology and which describes the reduction of epistemic violence as the main goal of all intersectional efforts. In two steps, the current German-speaking research in homiletics and liturgics will be analyzed with regard to its sensitivity to intersectionality and thus Submitted June 08, 2022, and accepted for publication December 12, 2022 Editor: Stefan van der Hoek with regard to the existing possibilities in the discipline for the mentioned reduction of epistemic violence. For the homiletic-liturgical context, those are seen especially in the aesthetic-performative approach of the mentioned fields, which opens up the possibility of subverting interpretative power in church services. Keywords: intersectionality, theology, homiletics, preaching, liturgy, church services, Lutheran 1 Praktische Theologie intersektional Theologie und IntersektionalitĂ€tsforschung - ein zweifellos notwendiges und wichtiges GesprĂ€chspaar, wovon nicht zuletzt die vorliegende ErgĂ€nzungslieferung des Handbuchs der Religionen zeugt. Die Aufnahme intersektionaler Perspektiven in der Praktischen Theologie jedoch, vor allem im gegenwĂ€rtigen deutschsprachigen Diskurs, steht abgesehen von der neuesten religionspĂ€dagogischen Forschung noch am Anfang.1 Wie also eine intersektionale Praktische Theologie aussehen kann, wird in der Tat die Zukunft zeigen mĂŒssen. In diesem Beitrag, der im Jahr 2022 entsteht, ist mein Anliegen daher, die gegenwĂ€rtige Praktische Theologie auf ihre IntersektionalitĂ€ts sensibilitĂ€t hin zu ĂŒberprĂŒfen. Ich frage also: Welche bereits vorhandenen praktisch-theologischen AnsĂ€tze eignen sich besonders, um die Einsichten der IntersektionalitĂ€tsforschung anzuwenden? Dies werde ich aus einer dezidiert lutherischen Perspektive tun und entsprechend versuchen, intersektionale AnsĂ€tze innerhalb des Kontextes der Erforschung reformatorischer kirchlicher Praxis zu rezipieren und zu reflektieren. _1.1 Zur Verortung: Die Praktische Theologie und ihre Forschungsfelder_ Das Fach Praktische Theologie ist - wie Christian Albrecht es nennt - die „jĂŒngste Schwester“2 im Haus der theologischen Disziplinen. Von Friedrich D. E. Schleiermacher im 19. Jahrhundert zur „Krone“ der Theologie erhoben,3 beschĂ€ftigt sie sich seither (dem Schleiermacher’schen Bild des Baumes entsprechend) mit klassischen „kirchenleitenden“ Themen, die heute v. a. dem Feld der Kybernetik und Kirchentheorie zuzuordnen wĂ€ren, weitete ihren Blick aber bald auf andere Bereiche kirchlichen Handelns aus, sodass gegenwĂ€rtig viele Teildisziplinen unter die Arbeit der Praktischen Theologie zu subsumie- ren sind: die Pastoraltheologie (die sich v. a. mit Fragen kirchlicher Ämter befasst), die Poimenik (die „Seelsorgelehre“), die ReligionspĂ€dagogik, die Diakonik sowie die christliche Publizistik. Zwei weitere Felder, die ebenfalls schon zu Zeiten Schleiermachers im Fokus standen, erforschen das gottesdienstliche Leben christlicher Kirchen: die Liturgik sowie die Homiletik (die Gottesdienst- und Predigtlehre). Unweigerlich bietet sich eine intersektionalitĂ€tssensible Analyse aller genannten Teildisziplinen an; der vorliegende Beitrag blickt jedoch gezielt auf die gottesdienstliche Praxis und damit die Themen der letztgenannten liturgischen und homiletischen Felder. Ein Grund dafĂŒr ist unter anderem die Einsicht, dass sich theologische Überzeugungen besonders in der gefeierten Praxis verdichten. Ein Blick in die Ökumene verrĂ€t hier 

✂ Ende der Leseprobe ✂
Der vollstÀndige Artikel umfasst 16 Seiten