Religion und Flucht aus religionssoziologischer Perspektive I - 29.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 56. EL 2018 1
I - 29.1 Religion und Flucht aus
religionssoziologischer Perspektive
Von Prof. Dr. Alexander-Kenneth Nagel
Zusammenfassung
Der Beitrag trägt aktuelle empirische Einsichten der sozialwissenschaftlichen
Religionsforschung zur jüngeren Fluchtmigration zusammen. Im ersten Teil
werden Befunde zur Veränderung der religiösen Landschaft in Deutschland
und Europa durch die Fluchtmigration dargestellt. War die Zuwanderung in
die europäischen Länder lange vornehmlich christlich geprägt, gehört die
Mehrheit der unlängst Geflüchteten einer islamischen Glaubensrichtung an.
Anders als die muslimischen Arbeitsmigranten treffen die Flüchtlinge dabei
auf eine entwickelte muslimische Zivilgesellschaft. Im zweiten Teil werden
daher ausgewählte Ergebnisse einer quantitativen Auswertung zur Beteili-
gung von Musliminnen und Muslimen in der Flüchtlingshilfe präsentiert. Da-
bei wird deutlich, dass Muslime (anteilsmäßig) deutlich häufiger im Bereich
der Flüchtlingshilfe aktiv waren als Christen oder Konfessionslose. Durch
die sogenannte „Flüchtlingskrise“ ist eine Situation entstanden, in denen die
sprachlichen und kulturspezifischen Kompetenzen der in Deutschland leben-
den Muslime (und anderer Menschen mit Migrationshintergrund) erstmals
systematisch abgerufen und wertgeschätzt werden. Zugleich stellt die religiöse
Pluralisierung öffentliche Einrichtungen wie Flüchtlingsunterkünfte vor neue
Herausforderungen. Im dritten Teil des Beitrags wird daher exemplarisch das
Ringen der Mitarbeitenden um religiöse Neutralität aufgezeigt.
Schlagwörter
Flucht, Diversität, Flüchtlingshilfe, Zivilgesellschaft, Islam, Christentum
Summary
The article shows current empirical insights of sociological religious research
on forced migration and refugees. In the first part, findings on changes in
the religious landscape in Germany and Europe related to forced migration
are presented. Whereas immigration into European countries was predomi-
nantly Christian for a long time, the majority of recent refugees are Muslim.
Unlike the Muslim migrant workers, the refugees encounter a developed
--- Seite 1 Ende ---
I - 29.1 Religion und Flucht aus religionssoziologischer Perspektive
2
Muslim civil society. The second part presents selected results of a quanti-
tative evaluation of the participation of Muslims in refugee aid. It becomes
clear that Muslims (proportionately) were significantly more active in the
field of refugee aid than Christians or non-denominationals. The so-called
"refugee crisis" has created a situation in which the linguistic and cultural
competences of Muslims living in Germany (and other people with a mig-
rant background) are systematically needed and valued for the first time.
At the same time, religious pluralization poses new challenges to public in-
stitutions such as refugee shelters. Finally, in the last section of the article,
the struggle of employees for religious neutrality is shown as an example.
Keywords
Religion Statistics, New Religious Movements, Religious Plurality, Research
of Religions on-site, Islam, Weltanschauungen, Organized Unaffiliated People
1 Einleitung
Die Fluchtmigration in den Jahren 2015 und 2016 bestimmt als sogenannte
„Flüchtlingskrise“ die globale politische Agenda. Immer wieder spielt dabei
auch die Religion der Geflüchteten eine Rolle. So verweigerten einige osteu-
ropäische Staaten wie Ungarn und die Slowakei die Aufnahme muslimischer
Flüchtlinge und verwiesen zur Begründung auf ihr christlich-abendländisches
Erbe. Das als „Muslim ban“ bekanntgewordene Einreiseverbot von Donald
Trump richtete sich nicht nur, aber auch gegen Geflüchtete. Auch in Deutsch-
land ist die Religion der Flüchtlinge immer wieder zum Thema geworden:
So berichteten im Jahr 2015 zahlreiche Medien über interreligiöse Konflikte
in Sammelunterkünften, und eine Polizeigewerkschaft sowie die CSU spra-
chen sich für eine religiöse Separierung in den Unterkünften aus. Auch in der
Breite hat die Ankunft zahlreicher Asylsuchender aus muslimischen Ländern
islamskeptische und islamkritische Haltungen befördert. Eine nüchterne re-
ligionssoziologische Bestandsaufnahme kann dazu beitragen, die Debatte zu
versachlichen. Im Folgenden werden daher aktuelle Befunde zur Veränderung
der religiösen Landschaft in Deutschland und Europa durch die Fluchtmigration
(Abschnitt 1), zur Beteiligung von Musliminnen und Muslimen in der Flücht-
lingshilfe (Abschnitt 2) sowie zum Umgang mit religiöser Diversität und Praxis
in Flüchtlingsunterkünften vorgestellt (Abschnitt 3).
Westarp Science Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 17 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 17 Seiten