Komparative Theologie
Von Klaus
Stosch
Komparative Theologie1 ist eine religionsvergleichend vorgehende Rede von Gott, die sich vom interreligiösen Dialog und der religionsübergreifenden Beschäftigung mit Quellen verschiedener religiöser Traditionen neue Erkenntnisse für die eigene Theologie erhofft. In der Regel bewegt sie sich im Rahmen konfessioneller Theologie einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, weitet deren Perspektive aber dadurch, dass auch normative Texte anderer religiöser Traditionen für die inhaltliche Bearbeitung theologischer Probleme herangezogen werden. Auf diese Weise hofft Komparative Theologie, Wege zu einem wertschätzenden Umgang mit anderen religiösen Traditionen ebnen zu können, möchte zugleich aber das Verstehen der Geltungsansprüche der eigenen religiösen Tradition vertiefen.
Geschichte der komparativen Theologie
Komparative Theologie ist zumindest im deutschen Sprachraum eine relativ neue Forschungsrichtung, deren Profil bis jetzt nur in ersten Konturen zu erkennen ist.2 Zugleich gibt es allerdings eine reiche Tradition religionsvergleichender Theologien und anderer Wissenschaften, sodass es wichtig ist, das Anliegen und die Entwicklung der Komparativen Theologie zunächst einmal historisch aufzurollen und auf Vorläufer dieses neuen Forschungsansatzes einzugehen.
Von der Sache her wird man festhalten können, dass eine religionsvergleichende Theologie, die sich konstruktiv mit anderen religiösen Traditionen auseinandersetzt, in der Christentumsgeschichte eine lange Tradition hat. In gewisser Weise wird man sagen können, dass allen geglückten großen theologischen Entwürfen, die interreligiöse Anfragen thematisieren, so etwas wie eine komparative Theologie zugrunde liegt - wie etwa die Aufnahme neuplatonischer, aristotelischer und islamischer Konzeptionen durch Thomas von Aquin.3 Die theologischen Denkbewegungen der Christen im 8. und 9. Jahrhundert im Mittleren Osten, die in der Welt des Islam zu Hause waren und die anfingen, ihre christlichen Überzeugungen im Idiom der islamisch geprägten religiösen Kultur zu artikulieren, sind vielleicht ein noch überzeugenderes Beispiel komparativ theologischen Bemühens.4 Aber man kann auch bereits die Anfänge der Theologie und ihre Aneignungen hellenistischen Denkens in einem weiten Sinn als komparative Theologie bezeichnen. Derartige Entwürfe sind allerdings durchgehend apo-
logetisch ausgerichtet und verwenden die Theologie der anderen Religion bzw. die nicht christliche Weltanschauung lediglich, um durch ihre fruchtbare Umwandlung den eigenen Glauben besser artikulieren zu können. Die Auseinandersetzung mit dem Fremden hat hier keinen Selbstzweck, und nicht christlichen Religionen wird nicht zugetraut, der christlichen Glaubensreflexion zu einem tieferen Verstehen der Wahrheit zu verhelfen. Schließlich wird auch von der Begrifflichkeit her nie von einer komparativen Theologie gesprochen.
Eine ausdrückliche Auseinandersetzung mit komparativer Theologie beginnt erst mit der Neuzeit5 und gewinnt im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr an Einfluss. Gerade im englischsprachigen Raum erscheinen zahlreiche Werke zur comparative theology, und es gibt eine Reihe von Versuchen, sie als akademische Disziplin zu etablieren.6 Dabei konkurriert der Begriff der comparative theology im englischsprachigen Raum zeitweise mit dem Begriff der religious studies, sodass komparative Theologie in diesem Sinne als nicht konfessionelle, rein wissenschaftliche Außenbetrachtung von Religionen verstanden wird und insofern nicht als Theologie, sondern als Religionswissenschaft bezeichnet werden sollte.7 Der Begriff comparative theology stand aber nicht nur für religionswissenschaftliche Studien, sondern war im 19. Jahrhundert ein ganz üblicher, weitverbreiteter Begriff für eine ganze Sparte von Literatur, die heute kaum noch bekannt ist und sehr unterschiedliche Ausprägungen hatte.8 Gemeinsames Kennzeichen war jedoch die starke apologetische Ausrichtung.9 Für Frederick Denison Maurice etwa hatte der Religionsvergleich das Ziel, das Christentum als die einzig wahre Religion auszuweisen.10 Und James Freeman Clarke zeigt die grundlegende „Differenz zwischen der intrinsisch universalen Religion (= Christentum; Vf.) und den intrinsisch limitierten rasse-spezifischen Religionen (= alle anderen; Vf).“11
Komparative Theologie war also keineswegs immer eine Forschungsrichtung, die sich für die Wertschätzung Andersgläubiger in ihrer Andersheit eingesetzt hat. Dennoch bedeutete komparative Theologie gerade durch F. Max Müller, den Begründer der vergleichenden Religionswissenschaften,
„einen entscheidenden Bruch mit der Tradition exklusivistischer christlicher Apologetik, die von liberalen Christen immer mehr als verachtenswert intolerant, provinziell und reaktionär empfunden wurde.“12
Doch weder in der vergleichenden Religionswissenschaft noch in der komparativen Theologie war dieser scheinbare …
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Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten
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