Germanische Mythen im Harz? Der „Mythenweg“ von Thale
Von Matthias Egeler
Der „Mythenweg“ von Thale
Seit dem Jahr 2004 wird im kleinen Fremdenverkehrsort Thale in SachsenAnhalt, am Nordostrand des Harzgebirges, der „Thalenser Mythenweg“ gestaltet: Eine stetig wachsende Zahl von Skulpturen, Skulpturenensembles und großformatigen Wandgemälden repräsentiert dort Szenen und Figuren, die von den Gestaltern dieses Skulpturenwegs der „germanischen“ Mythologie zugeschrieben werden. Die Gesamtkomposition spannt geografisch einen Bogen von den Talstationen der Bodetal-Seilbahnen, die Thale mit den Bergplateaus des „Hexentanzplatzes“ und der „Rosstrappe“ verbinden, bis zum ehemaligen Kloster Wendhusen; thematisch reicht die Spanne des Mythenwegs von der Midgardschlange bis zu einem frühmittelalterlichen Sachsenfürsten, der als Repräsentant der Christianisierung der Region fungiert. Die für die künstlerische Umsetzung der jeweils dargestellten Sujets verwendeten Materialien reichen dabei von Stein und Holz bis zu Bronze und Eisen; zudem stehen sich formal rein als Kunstwerke konzipierte Statuen einerseits und figural geschnitzte Holzbänke andererseits gegenüber. Diese Statuen, Wandgemälde und skulptierten Bänke verteilen sich über große Teile des Stadtzentrums. Der eigentliche „Mythenweg“ wird dabei von etwa einem Dutzend Kernstücken gebildet, die durch in den Boden eingelassene Hufeisen zu einem Parcours verbunden sind. Die genaue Auswahl und Titulierung der Hauptstationen wird auf den verschiedenen derzeit (Okt. 2015) in Thale im Umlauf befindlichen oder öffentlich aufgestellten Überblickskarten nicht ganz einheitlich angegeben. Das offizielle Faltblatt der Thalenser Touristeninformation gibt folgende Stationen des „Mythenwegs“ als dessen Hauptstationen an:1
1. „Midgardschlange“ (Skulptur);
2. „Drache Nidhögg“ (Skulptur);
3. „Bergmönch“ (Skulptur);
4. „Nornen“ (Skulptur);
5. „Wotans Pferd Sleipnir“ (Skulptur);
6. „Wasserriese Ägir“ (Skulptur);
7. „Walpurgis“ und „Götterdämmerung“ (Wandgemälde);
8. „Heimdall“ (Skulptur);
I - 23.9 Germanische Mythen im Harz? Der „Mythenweg“ von Thale
9. „Draupnir, Wotans Zauberring“ (Skulptur);
10. „Brunnen der Weisheit“ (Skulptur);
11. „Mythentor“ (geschnitztes Hoftor);
12. „Welteber“ (Skulptur);
13. sächsischer Stammesführer „Hessi“ (Skulptur).
In der offiziellen Internetpräsentation des Mythenwegs durch die Bodetal Tourismus GmbH fehlt demgegenüber das (relativ neue) „Mythentor“, während die in der Stadt aufgestellten Übersichtskarten nochmals zwei weitere Varianten geben. Die offenbar ältere dieser beiden weiteren Versionen nennt neben den auf dem Faltblatt angeführten Stationen noch zwei in Planung befindliche Stationen mit Darstellungen der Göttin Freyja und von „Balder mit Fohlen“; dafür fallen das „Mythentor“ und der „Welteber“ aus der Liste der Hauptstationen heraus. Der neueste Kartentyp weicht hiervon wiederum ab, indem der „Bergmönch“ umbenannt wird in „Schmiedender Zwerg“ und der christliche Graf „Hessi“ aus der Liste fällt, beides Änderungen mit interessanten Implikationen (s. u.).2
Beim Mythenweg in Thale handelt es sich primär um eine Schöpfung der lokalen Tourismusindustrie. Hauptinitiator ist der Stadt-Marketingverein „Verein für Thale“ in Zusammenarbeit mit der Thalenser Stadtverwaltung. Ein zentrales Ziel besteht darin, einige der vielen Tagesbesucher der nahebei gelegenen „Rosstrappe“ und des „Hexentanzplatzes“, die bereits seit dem 19. Jahrhundert als touristische Ziele fest etabliert sind, auch in die Innenstadt von Thale zu locken. Hierfür wurde die über den „Hexentanzplatz“, die „Rosstrappe“ und die Nähe zum Brocken gegebene starke Assoziation der örtlichen Landschaft mit „paganem“ Mythengut als Ausgangspunkt genommen und ins „Germanische“ gewendet. Die so entstandene Schöpfung ist mit einem Augenzwinkern kreiert und auch in diesem Sinne aufzufassen. Es sagt vermutlich bereits alles, dass die Skulptur des „Weltebers“, dessen Fleisch den toten Kriegern in Walhall als Speise dient, gerade vor einer Metzgerei steht. Zugleich ist die Verwendung der gewählten Motive in vieler Hinsicht jedoch auch repräsentativ für seit Langem beobachtbare Trends in der deutschen Rezeption nordischer Mythologie und allgemein der deutschen …
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Der vollständige Artikel umfasst 22 Seiten
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