Krankenpflege als christlicher âLiebesdienstâ I - 19.5
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 49. EL 2016 1
OLZOG Verlag â Handbuch der Religionen â Frau Voit
Stand: 17.08.2016ââ2. AKââSeite 1
I - 19.5 Krankenpflege als christlicher âLiebesdienstâ â
Arbeits- und Lebensalltag von Diakonissen, 1945â1980
VON SUSANNE KREUTZER
Eine âguteâ Schwesterâ
ââ
so lautete Anfang der 1950er-Jahre die selbstverstÀnd -
liche Annahmeâ
ââ
verstand ihre TĂ€tigkeit nicht als Beruf, sondern als Berufung;
nicht als Arbeit, sondern als Dienst. Noch dominierten die groĂen Mutterhaus-
Schwesternschaften der Caritas, Inneren Mission und des Deutschen Roten
Kreuzes das Berufsfeld âKrankenpflegeâ in Westdeutschland. Mit dem Eintritt
in die Schwesternschaft verpflichteten sich die Frauen, ihr Leben ganz in den
Dienst der Schwesterngemeinschaft und der Arbeit am kranken und bedĂŒrftigen
Menschen zu stellen. DafĂŒr erhielten sie eine Ausbildung und eine zugesicherte
lebenslange Versorgung. AuĂerdem genossen die Frauen gesellschaftlich einen
sehr hohen Respekt. Eine Schwester galt als etwas Besonderes. Ihr sollte mit
âAchtung, Ehre und Dankââ
1
begegnet werden.
Dieses PflegeverstÀndnis geriet ab der zweiten HÀlfte der 1950er-Jahre massiv
unter Druck. Mit den Fortschritten in der Medizin Ànderten sich die Anforde-
rungen an das Pflegepersonal grundlegend. Gefordert war immer weniger eine
âBerufung zur NĂ€chstenliebeââ
2
als vielmehr eine theoretisch fundierte Ausbil-
dung. Auch das tradierte Arbeitsethos entsprach immer weniger den Lebensent-
wĂŒrfen der neuen Frauengeneration. In den 1960er-Jahren wurde der ehemals
zölibatĂ€re christliche âLiebesdienstâ am Kranken zu einem arbeitsrechtlich
regulierten und an professionellen Standards ausgerichteten Frauenberuf um-
gestaltet, den auch verheiratete Frauen in Teilzeitarbeit ausĂŒben konnten. Vor-
reiter dieser Entwicklung waren die öffentlichen Krankenanstalten, die unter
dem Druck eines gravierenden Pflegenotstands ab Mitte der 1950er-Jahre zu
Reformen bereit waren.
Die konfessionellen Schwesternschaften taten sich mit dieser Entwicklung
schwer; denn das ĂŒberlieferte Konzept christlicher Krankenpflege als unmittel-
barer âLiebesdienstâ am NĂ€chsten lieĂ sich kaum mit den neuen Vorstellungen
geregelter Arbeitszeit und zweckrational-professionell organisierter, auf dem
effizienten Einsatz von Zeit, ArbeitskrÀften und Geld beruhender Kranken-
versorgung vereinbaren. Die Geschichte christlicher Krankenpflege ist des-
halb besonders geeignet, die Ambivalenzen und die Konfliktbeladenheit des
Modernisierungsprozesses aufzuzeigen, die das Berufsfeld bis heute prÀgen.
--- Seite 1 Ende ---
I - 19.5 Krankenpflege als christlicher âLiebesdienstâ
2
Die folgende Darstellung untersucht am Beispiel des Diakonissenmutterhauses
der Henriettenstiftung in Hannover die Konzeption und Transformation evan-
gelischen âLiebesdienstesâ im Zeitraum von 1945 bis 1980.
3
In einem ersten
Schritt wird das Diakonissenmutterhaus der Henriettenstiftung als Glaubens-,
Dienst- und Lebensgemeinschaft evangelischer Frauen vorgestellt, um dann
genauer auf das Krankheits- und PflegeverstÀndnis der Diakonissen und des-
sen Umsetzung in die soziale Praxis einzugehen. Ein besonderer Schwerpunkt
wird auf den Umgang mit schwer kranken und sterbenden Patienten gelegt.
AnschlieĂend werden die UmbrĂŒche im Krankheits- und PflegeverstĂ€ndnis der
1960er-Jahre beleuchtet, die tief greifende Folgen fĂŒr die persönliche Betreuung
von Patienten hatten. Die Kostenseite dieses Modernisierungsprozesses rĂŒckte
in den 1970er-Jahren unter dem Stichwort âHumanisierung der Krankenver-
sorgungâ auf die gesundheitspolitische Tagesordnung â diese Diskussion wird
abschlieĂend analysiert. In einem ResĂŒmee werden die Ergebnisse der Studie
im Lichte ihrer Gegenwartsbedeutung diskutiert.
Der Beitrag stĂŒtzt sich sowohl auf zeitgenössische Publikationen und Zeitschrif-
ten des Gesundheitswesens, als auch auf lebensgeschichtliche Interviews mit
Diakonissen der Henriettenstiftung. DarĂŒber hinaus wurde das umfangreiche
Archiv der Stiftung ausgewertet. Ăberliefert sind die Personalakten der etwa
900 Schwestern, die nach 1945 dem Mutterhaus angehörten. Diese Personal-
akten sind oft sehr umfangreich und enthalten ausfĂŒhrliche Briefwechsel der
Schwestern mit der Mutterhausleitung (vor allem der Oberin und dem Theologi-
schen Vorsteher), die tiefe Einblicke in den Alltag und das SelbstverstÀndnis der
Schwestern eröffnen. Erhalten sind auĂerdem die Akten aller KrankenhĂ€user
und Gemeindestationen, in denen die Diakonissen tÀtig waren, mit Informa-
tionen ĂŒber die gesamte Organisation der Einrichtungen. Diese Archivalien
ermöglichen auch die Bedingungen, unter denen die Frauen tÀtig waren, sehr
genau zu rekonstruieren.
Glaubens-, Dienst- und Lebensgemeinschaft evangelischer Frauen
Die Henriettenstiftung wurde 1859/60 in Hannover gegrĂŒndet und entstand â
wie eine Vielzahl anderer Diakonissenanstalten â im Kontext der sogenannten
Erweckungsbewegung, die auf eine Erneuerung des religiösen Lebens zielte und
das persönliche Glaubenserlebnis â die Erweckung â in den Mittelpunkt ih-
res religiösen VerstÀndnisses stellte. Indem die MutterhÀuser den persönlichen
Glauben im VerhÀltnis zur universitÀren Ausbildung aufwerteten, eröffneten
sie Frauen ganz neue Wirkungsbereiche. Dazu gehörte u. a. die Ăbernahme
von religiös begrĂŒndeten caritativen TĂ€tigkeiten in der Ăffentlichkeit.
4
Bei ih-Westarp Science â Fachverlage
âïž Ende der Leseprobe âïž
Der vollstÀndige Artikel umfasst 22 Seiten
Der vollstÀndige Artikel umfasst 22 Seiten