Streib, Gennerich, Jugend und Religion

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Jugend und Religion Begriffsklärungen, Entwicklungsdynamik, Modelle und Typen Von Heinz Streib und Carsten Gennerich Religion auf den Begriff bringen In neuester Zeit wird in der Jugendforschung die Frage nach einem angemessenen Religionsbegriff gestellt.1 Wir greifen diese Suche nach einer Neu-Justierung des Religionsbegriffs auf und wollen im Blick auf Religion im Jugendalter im Folgenden eigene Akzente setzen. Man kann generell a) eine substanziell, b) eine funktional und c) eine diskursiv orientierte Bestimmung Religion unterscheiden. Bei a) stehen die Vorstellungen von Gott und der Welt im Zentrum, also von Gott und Göttern, Himmel und ggf. Hölle, von den Verhältnissen zwischen der göttlichen und der menschlichen Sphäre, die in Geschichten erzählt werden und Konsequenzen für das moralische und rituelle Handeln haben. Im Design empirischer Forschung hat dieser Ansatz zur Erhebung von Zustimmungen zu etablierten Glaubensvorstellungen wie Gott als Person (Schöpfer, Erlöser, Richter), dem Weiterleben nach dem Tod oder Gerechtigkeitsvorstellungen (religiöse Pflichten, Sünde) geführt, wie sie noch heute in den Fragebögen der meisten großen Surveys enthalten sind. Neuere Formen der Religiosität - wenn nach ihnen überhaupt gefragt wird - erscheinen aus dieser Perspektive als „das Andere“: als Unglaube, Heidentum, Aberglaube. Neue Religiosität wird also in der empirischen Forschung dann an der Ablehnung von etablierten Glaubensvorstellungen bzw. der Präferenz für „abergläubische“ Vorstellungen festgemacht. Zu b) bietet Kaufmann2 einen knapp gefassten Überblick - mit dem Vorschlag einer Systematisierung der verschiedenen, doch eher monokausal gedachten und teilweise gegeneinander ausgespielten Funktionen auf sechs „Leistungen“ von Religion, die auf menschliche Probleme antworten: 1. auf das Problem der Affektbindung oder Angstbewältigung, 2. auf das Problem der Handlungsführung im Außeralltäglichen (Magie, Ritual und Moral), 3. auf das Problem der _Verarbeitung Kontingenzerfahrungen,_ also von Unrecht, Leid und Schicksalsschlägen, 4. auf das Problem der Legitimation Gemeinschaftsbildung und sozialer Integration, 5. auf das Problem der _Kosmisierung Welt,_ der Begründung eines Deutungshorizonts aus einheitlichen Prinzipien, der die Möglichkeit von Sinnlosigkeit und Chaos ausschließt, und schließlich 6. auf das Problem der Distanzierung von gegebenen Sozialverhältnissen, der Ermöglichung Widerstand und Protest gegen einen als ungerecht oder unmoralisch erfahrenen Gesellschaftszustand. Mit dieser polythetischen Sicht auf Religion eröffnet sich auch eine veränderte Perspektive auf nicht-etablierte Religionsformen - bis hin zu Formen impliziter Religion,3 einer Religiosität, die mit herkömmlicher Begriffsbildung, auch von den Betroffenen selbst, nicht unbedingt als „religiös“ bezeichnet wird. Dies ist möglich, weil dieser Religionsbegriff primär auf einer funktionalen Sicht aufruht, also an Funktionen oder „Leistungen“ identifiziert wird, was als „Religion“ gelten soll. Eine diskursive Bestimmung von Religion (c) sucht den Weg über eine gegenständliche und zugleich über eine funktionale Definition von Religion hinaus.4 Bei ihr tritt der Anwendungsprozess kulturell vermittelter Deutungsmuster in den Fokus der begrifflichen Erfassung, sodass auch individuelle Formen religiöser Zugangsweisen gewürdigt werden können. Eine solche Definition erscheint uns besonders geeignet für die Interpretation der gegenwärtigen Jugendkultur. In diesem Sinne beschreibt Matthes5 Religion als ein interpretatives Phänomen und geht davon aus, dass spezifische Erfahrungen mit Rückgriff auf eine vorhandene „kulturelle Programmatik“ in der Selbstreflexion des Subjekts als religiös begriffen und symbolisiert werden. Als „kulturelle Programmatiken“ können insbesondere Vorstellungen aus den Traditionen der großen Weltreligionen dienen. Solche Traditionen stellen im gesellschaftlichen Diskurs Deutungsmöglichkeiten bereit. Jedoch erst in der situativen Anwendung einer selektierten Deutung auf eine Erfahrung realisiert sich „gelebte Religion“. Die Bestimmung von Religion als ein diskursives Phänomen legt damit Religion nicht substanziell fest, sondern öffnet Religion als Möglichkeitsraum, wobei aus der inneren Programmatik der Tradition kontextuell immer neue Ableitungen und Interpretationen generiert werden können, sodass Religion nicht auf konventionelle Sprachmuster festgelegt werden kann. Der Programmatikbegriff beinhaltet also, dass der Bestand an religiösen Interpretationen inhaltlich nicht abschließend festgelegt ist. Vielmehr kann das Subjekt prinzipiell in einem kreativ-produktiven Prozess neue religiöse Deutungsoptionen entwerfen und sich aneignen. Eine „Neuerfindung des Religiösen als Rekomposition ihrer Elemente“6 ist denkbar. Damit erkennt ein solcherart formulierter Forschungsansatz auch die vorfindbare …
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