Dommel, Religion und religiöse Unterschiede als ÖWeltwissen im Kindergarten

📖 Leseprobe – 2 von 14 Seiten
Religion und religiöse Unterschiede als „Weltwissen“ im Kindergarten CHRISTA DOMMEL Die Frühpädagogik in Europa befindet sich in einem radikalen Umbauprozess: Das Verhältnis zwischen den beiden Aufträgen der Kindertageseinrichtungen - Pädagogik für das Kind einerseits, Betreuung als Dienstleistung für die Familien andererseits - wird derzeit neu ausbalanciert. Dabei findet der erste Aspekt durch das „Kinderrecht auf Bildung“1 mehr Beachtung als bisher, verbunden mit einer stärkeren Einbeziehung der Eltern in die Pädagogik.2 In manchen EU-Staaten sind Kindergärten und vorschulische Einrichtungen bereits offiziell den Bildungsbehörden zugeordnet (Spanien, Schweden, England), parallel dazu findet eine organisatorische Vernetzung verschiedener Ressorts (z.B. Bildung, Soziales, Gesundheit) statt, die die sozialen Voraussetzungen für Bildungserfolg und gesellschaftliche Partizipation in den Blick nimmt. Kindertageseinrichtungen werden in diesem Zusammenhang immer mehr zu Stadtteilzentren und Knotenpunkten für generationenübergreifende Gemeinwesenarbeit (Children Centres, Familienzentren). Die Europäische Kommission formulierte 1996 als Qualitätsziel die ausdrückliche Wertschätzung religiöser Pluralität: Die Familie, das Zuhause, die Sprache, das kulturelle Erbe, der Glaube, die Religion und das Geschlecht jedes Kindes sollen sich im Lern - umfeld und in der Erziehung der Einrichtung widerspiegeln (Ziel 20 des Netzwerks Kinderbetreuung der Europäischen Kommission). Religions-Bildung „Kleine Kinder - keine Vorurteile?“, fragen Christa Preissing und Petra Wagner (2003), die Initiatorinnen des Berliner Projekts Kinderwelten , in ihrem Buch zur vorurteilsbewussten Pädagogik in Kindertagesstätten. Die Kindheit als Paradies ist vor allem eine Wunschvorstellung von Erwachsenen - ausgrenzende Vorurteile gegenüber „fremden“ Religionen oder Religion generell, aber auch reale Unterschiede in Alltagsleben und Weltsicht sind starke Argumente für „Religions-Bildung“ im Kindergarten. Inklusive Religions-Bildung bedeutet, Wertschätzung für die Familienkultur aller Kinder zu entwickeln, damit jedes Kind in der Einrichtung das Gefühl haben kann: „Hier bin ich richtig.“ Religions-Bildung wirbt nicht für eine bestimmte Glaubensrichtung und unterscheidet sich außerdem dadurch von religiöser Erziehung, dass sie alle Kinder anspricht, nicht nur diejenigen, die I - 15 RELIGION U. RELIGIÖSE UNTERSCHIEDE ALS „WELTWISSEN“ IM KINDERGARTEN kirchliche oder andere religiöse Kindertageseinrichtungen besuchen oder selbst religiös sind. Religionswissenschaft, die keiner bestimmten religiösen Tradition verpflichtet ist, ist als Bezugswissenschaft für die aktuelle internationale Bildungsdiskussion um pädagogische Qualitätskriterien im Kindergarten- und Vorschulbereich daher ebenso relevant wie die Naturwissenschaften oder Fremdsprachen. Religion im öffentlichen Leben erscheint gleichzeitig als Gefahr wie als Ressource für Individuen und Gesellschaft. Die aktuellen bildungspolitischen Bestrebungen, die forschende Neugier der Kinder in diesem außerordentlich aufnahmefähigen Alter zu unterstützen („Wissenschaft für Kinder“, Kinderuniversitäten) und ihren Fragen nachzugehen, die das scheinbar Selbstverständliche unter die Lupe nehmen, erfordern religionswissenschaftlich reflektierte Perspektiven: Warum fällt Weihnachten in jedem Jahr auf dasselbe Datum, Ostern aber nicht? Warum wandert der Ramadan rückwärts durch das ganze Jahr? Oder die Sache mit dem Schweinefleisch - wer isst es, wer nicht, und warum? Oder: Wann ist jemand „richtiger“ Muslim, Jude oder Christ? Weltwissen der Siebenjährigen nennt Donata Elschenbroich, Bildungsexpertin des Deutschen Jugendinstituts, ihren „neuen, offenen Kanon von Bildungserlebnissen“, den wir unseren Kindern schulden, um sie auf das Leben in einer veränderten Welt vorzubereiten. Dabei spielt das Wissen eine größere Rolle, als es z.B. Jean Piaget im vorigen Jh. annahm, der noch von kindlichen Denkstrukturen ausging, die im Vergleich zu denen der Erwachsenen grundlegend anders (nämlich „prä-operatorisch“) seien. Bei der Ausarbeitung ihres Kanons von „Welt-Bildung“ und „Welt-Wissen“ zog Donata Elschenbroich u.a. den Münchner Entwicklungspsychologen Rolf Oerter heran, der davon ausgeht, dass die geistige Entwicklung von Kindern mehr mit Wissenserwerb als mit allgemeinen Denkstrukturen zu tun hat. Schon Piagets Zeitgenosse Lew Semjonowitsch Wygotski konnte bei Kindern und Erwachsenen keinen Unterschied etwa im Egozentrismus feststellen. Er betont, dass bei der Art, wie ein Kind sich einen Reim auf alles macht, was es erlebt - bei der Sinnkonstruktion also - auch nicht biologisches Erbe eine entscheidende Rolle spielt, das als Wissen, Erfahrung und symbolisches Handwerkszeug von Generation zu Generation übermittelt wird.3 Religion ist Bestandteil dieses kulturellen Wissens - selbst bei Familien, die sich nicht ausdrücklich selbst als persönlich religiös definieren, denn Religion gehört zum „Lebenskolorit“, zur uns umgebenden kulturellen Mentalität, die jedes Individuum bewusst und unbewusst „aufsaugt“. Die bewusste persönliche Aneignung und Verarbeitung dieses …
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 14 Seiten