Luise Schottroff I - 14.9.16
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 55. EL 2018 1
I - 14.9.16 Luise Schottroff
VON CLAUDIA JANSSEN / RAINER KESSLER
Zusammenfassung
Luise Schottroff (1934 – 2015) hat als Neutestamentlerin wesentliche Beiträge
zur sozialgeschichtlichen und feministischen Interpretation des Neuen Testa-
ments vorgelegt. Die Frage nach der aktuellen und existenziellen Bedeutung
der alten Texte hat sie aus der bis dahin vorherrschenden individualistischen
Verengung befreit und in eine gesellschaftliche und politische Dimension
gestellt. Ob es um die Gleichnisse Jesu oder die Gemeinde in Korinth geht,
Ausgangspunkt der Auslegung ist immer die reale Lebenswelt. Sozialge-
schichtliche Rekonstruktion ist fĂĽr Luise Schottroff kein Selbstzweck. Sie
erfolgt in befreiungstheologischem Interesse. Dazu gehört selbstverständlich
auch die Befreiung von Frauen. Eine wesentliche Einsicht ist, dass sowohl
Jesus als auch Paulus Juden waren und blieben und die neutestamentlichen
Schriften insgesamt im innerjĂĽdischen Diskurs angesiedelt sind, es also ein
„Christentum“ im Sinne des späteren Gegensatzes zum „Judentum“ zumin-
dest im 1. Jahrhundert noch nicht gab. Enge Fachgrenzen hat Luise Schottroff
nie akzeptiert. Sie hat sich auch zu alttestamentlichen Texten geäußert. Die
Enge akademischer Wissenschaft hat sie immer wieder mit Veranstaltungen
auf Kirchentagen, in Bildungseinrichtungen und Kirchengemeinden aufge-
brochen. Ihre engagierte LektĂĽre der Bibel hat sie zudem mit direktem po-
litischem Einsatz verbunden. Durch Lehrtätigkeit in den USA in den letzten
Jahren ihres Wirkens hat sie wesentliche Impulse aus der englischsprachigen
Welt in die Diskurse in Deutschland eingebracht.
Schlagwörter
Neues Testament, Sozialgeschichte, Feminismus, Judentum, Befreiungstheo -
logie; Jesus, Paulus, Korinth.
Summary
Luise Schottroff (1934 – 2015) was a New Testament scholar. Her contributions
cover the socio-historical and feminist interpretation of the New Testament. She
departed the strictly individualistic reading of the texts which at that time was
dominant and went forward to a political reading. Be it the parables of Jesus or the
Christian community in Corinth, the starting point of Schottroff's interpretation
--- Seite 1 Ende ---
I - 14.9.16 Luise Schottroff
2
has always been the social reality. However, reconstruction of the social si-
tuation for Schottroff is not an end in itself. It is part of a liberating strategy.
Women's liberation of course is part of this strategy. One of Schottroff's essen-
tial insights is the fact that Jesus as well as Paul were Jews and never ceased
to be Jews and that the writings of the New Testament in general were part
of an inner-Jewish discussion. That means that “Christendom” as opposed
to “Jewry” at least in the 1st century did not yet exist. Luise Schottroff never
accepted the narrow frame of the academic world. She opened her teaching
to all kinds of church meetings and congregations. In her last years she had
the opportunity to teach in the U.S.A. which she used to contribute important
stimuli from the English speaking world into the discussions in Germany.
Keywords
New Testament, social history, feminism, Judaism, liberation theology; Jesus,
Paul, Corinth
Lebensweg
Die Neutestamentlerin Luise Schottroff wurde am 11. April 1934 in Berlin als
Luise Klein geboren. Sie stammte aus einer Familie, die sich in der Bekennen-
den Kirche gegen den Nationalsozialismus stellte. Ihr Vater war Pfarrer, ihre
Mutter war von der Frauenbewegung geprägt. Sie unterrichtete ihre Kinder zu
Hause, solange es möglich war, damit sie nicht dem öffentlichen Schulsystem
ausgeliefert waren. Nach dem Theologiestudium in Berlin, Bonn und Göttin-
gen wurde Luise Klein 1960 mit der von Otto Weber (1902 – 1966) betreuten
und von ihm und Ernst Wolf (1902 – 1971) begutachteten Arbeit „Die Berei-
tung zum Sterben. Studien zu den frühen reformatorischen Sterbebüchern“ in
Göttingen promoviert; die Arbeit wurde 2012 in der Reihe Refo500 im Verlag
Vandenhoeck & Ruprecht (unverändert) publiziert. Luise Schottroff, wie sie
seit der Heirat mit dem Alttestamentler Willy Schottroff (1931 – 1997) hieß,
wechselte nach Abschluss der Dissertation in das Fach Neues Testament ĂĽber.
In Mainz arbeitete sie als Assistentin von Herbert Braun (1903 – 1991). Dort
habilitierte sie sich 1969 mit der Studie „Der Glaubende und die feindliche
Welt. Beobachtungen zum gnostischen Dualismus und seiner Bedeutung fĂĽr
Paulus und das Johannesevangelium“. Von 1971 bis 1986 lehrte sie in Mainz
als außerplanmäßige Professorin auf einer Stelle als akademische Rätin das
Fach Neues Testament. 1986 wurde sie nach Kassel berufen, wo sie bis zu ihrer
Pensionierung (1999) als Professorin wirkte. Danach eröffnete sich für Luise
Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 10 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 10 Seiten