## **I-14.9.1 John Hick und die kopernikanische Wende in der Theologie**
REINHARD KIRSTE
Person und theologische Zielsetzung
John Hick wurde 1922 in Scarborough/Yorkshire geboren. Er kam ursprünglich von einer durchaus traditionellen, geradezu evangelikalen Denkweise her, als er 1953 zum Pfarrer der Reformierten Kirche (Presbyterianer) ordiniert wurde. Sowohl in dieser Zeit als auch danach, als Professor in Birmingham, arbeitete er beim Aufbau eines Rates der Religionen mit. Dabei trieb ihn gleichzeitig der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit, der sich ebenfalls im Engagement für sozialistische Ideen zeigte. Bereits hier suchte er die Grundlagen für religiöse Begegnungen „auf Augenhöhe“ systematisierend in die Tat umzusetzen und theologisch zu begründen. Diese Arbeit erfuhr in den USA ihre Fortsetzung durch die Entwicklung einer religionspluralistischen Theologie mit starken religionsphilosophischen Elementen. Bis zu seiner Emeritierung 1993 lehrte Hick Religionsphilosophie an der Claremont Graduate School in Kalifornien. 1991 wurde er wegen seiner herausragenden Leistungen in Theologie und Religionsphilosophie Gewinner des hoch dotierten Louisville Grawemeyer Award in Religion (1991), und zwar besonders aufgrund seines Buches An Interpretation of Religion (1989), das aus seinen Gifford-Lectures erwuchs. John Hick ist übrigens Mitglied der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A) in Nachrodt (Westfalen) und gehört auch dem Wissenschaftlichen Beirat an. Um die Quintessenz vorwegzunehmen: Seine theologisch an Kant und dem Idealismus geschulte Systematik kennzeichnet sein konsequentes Bemühen, die anderen Glaubensrichtungen neben dem Christentum nicht nur zu verstehen, sondern auch in ihrem Wahrheitsgehalt und in ihrer Heilsverbindlichkeit ernst zu nehmen. Hick hat mit seiner religionspluralistischen Theologie eine kopernikanische Wende in der gesamten christlichen Theologie (und in Teilen der Philosophie) mit eingeleitet. Diese Wende führt ihn über die innertheologische, religionsphilosophische und religiös-institutionelle Begrenztheit hinaus. Dazu fordert er mehr und mehr eine Spiritualität des Alltags, um angesichts einer sich „naturalistisch“ gebärdenden Neurobiologie der inneren Transzendenzerfahrung im Sinne einer die Religionen übergreifenden Religiosität zum Recht zu verhelfen. Dies geschieht nicht durch die Vermischung der Religionen sondern in der ernsthaften dialogischen Begegnung und Auseinandersetzung über das, was Religionen zu den letzten Fragen zu sagen haben (so im neuesten Buch The New Frontier of Religion and Science (2007). Somit lässt sich inzwischen bei Hick ein religionspluralistischer Entwicklungsweg nachzeichnen.
Allerdings wird die Diskussion um die religionspluralistische Theologie insgesamt schärfer, vor allem theologisch, angesichts des Aufkommens einer so genannten Differenzhermeneutik im deutschsprachigen Raum. Hier finden sich nun neben der bloßen kirchlichen Abwehr auf katholischer und evangelischer Seite auch theologische Gegenmodelle.
Aufgrund seines theozentrisch und soteriologisch ausgerichteten Ansatzes im Blick auf das Heil des Menschen nimmt er für seine theologische Arbeit den personalen Gottesbegriff immer mehr zurück und eröffnet so einen Religionspluralismus, der von der Gleichwertigkeit der verschiedenen Heilswege geprägt ist. Für ihn als christlichen Theologen muss in diesem Kontext Chris - tologie von ihren dogmatistischen und Ausschließlichkeit beanspruchenden Formulierungen (besonders über die Gottessohnschaft) befreit werden. So wird Kommunikation über die Religionsgrenzen hinweg leichter möglich, auch weil Hick von einem gemeinsamen (transzendenten) Urgrund aller Religionen ausgeht, ohne dabei selbst zum Mystiker zu werden. Weder Herrschaftswissen (im Sinne eines christlichen Absolutheitsanspruchs), noch Synkretismus (im Sinne einer Vermischung verschiedener gegenwärtiger Religionsströmungen) können Alternativen zu einem religiösen Pluralismus sein. Auch der Gleichgültigkeit des Nebeneinanderherlebens von Religionen und Weltanschauungen ist vorgebeugt, weil John Hick die Herausforderung durch die verschiedenen Glaubensweisen als notwendig zu einem aktualisierten Verständnis der eigenen Religion ansieht.
Gott und seine vielen Namen
Hicks theologische Entwicklungslinie ist bereits ein Stück weit in seinem Buch vorgezeichnet, das in zwei leicht voneinander abweichenden Fassungen in Großbritannien und in den USA erschien, wobei die USA-Ausgabe einige englische Besonderheiten nicht mehr enthält. Das vorliegende Buch erschien 1985 erstmals auf Deutsch und wurde aufgrund großer Begeisterung, aber in einer leider sehr geringen Auflage, von der Interreligiösen Arbeitsstelle überarbeitet und im Winter 2000 neu herausgebracht.1 Die einzelnen Beiträge stellen Reflexionen zum Thema „Religiöser Pluralismus“ dar, der in der Theologie mehr und mehr zu den Konfliktthemen gehört, weil die religionspluralistische Theologie die Frage nach dem Christentum als dem …
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Der vollständige Artikel umfasst 17 Seiten
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