Höpflinger, Zwischen Farben und Philosophie: Gertrud Simmel (1864–1938)

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Gertrud Simmel (1864–1938) I - 5.8.2 Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 87. EL 2026 1 ZusammenfassungZusammenfassung Gertrud Simmel wird 1864 in Potsdam in ein bürgerliches Elternhaus gebo- ren. Sie studiert Kunst, stellt verschiedene Werke aus und heiratet schließlich den Soziologen Georg Simmel. In Berlin öffnet sie ihr Haus für Künstlerin- nen, Künstler und Intellektuelle und führt rege Debatten in diesen Kreisen. Selbst schreibt sie unter dem Pseudonym Marie Luise Enckendorff mehrere philosophische Werke, darunter auch eine Religionstheorie. Der Beitrag folgt dem Leben Gertrud Simmels und rekonstruiert Grund- züge ihres Zugangs zu Religion. Am Ende wird reflektiert, wieso Gertrud Simmels Werke noch heute bedeutsam für die Religionswissenschaft sind. Schlagwörter Gertrud Simmel, Religionstheorie, Erster Weltkrieg, Frauenbewegung, Ber- lin I - 5.8.2 Zwischen Farben und Philosophie: Gertrud Simmel (1864–1938) [Between Colours and Philosophy: Gertrud Simmel (1864–1938)] Anna-Katharina Höpflinger Submitted October 3, 2025, and accepted for publication January 15, 2026 Editor: Dolores Zoé Bertschinger SummarySummary Gertrud Simmel was born in Potsdam, Germany, in 1864 into a upper midd- le-class family. She studies art and exhibits her work before marrying the sociologist Georg Simmel. In Berlin she opens her family home to artists and intellectuals with whom she engages in lively debates. Under the pseu- donym Marie Luise Enckendorff, she writes philosophical works, including a theory of religion. This article traces the life of Gertrud Simmel and reconstructs the main features of her approach to religion. Finally, it considers why Simmels work remains relevant to religious studies today. --- Seite 1 Ende --- I - 5.8.2 Gertrud Simmel (1864–1938) 2© Westarp Science Fachverlag 1 Weder Erkenntnis noch Offenbarung „Religion ist ein Zustand, keine Beziehung auf ein Objekt – unerwerbbar, unmitteilbar, unübertragbar; ein Zustand, nicht abhängig von Erkenntnis noch Offenbarung.“ 1 Mit dieser Annäherung an Religion beginnt Gertrud Simmel ihr unter dem Pseudonym Marie Luise Enckendorff 1919 veröffentlichtes Buch Über das Religiöse. Sie umreißt Religion als etwas Universelles, eine menschli- che Möglichkeit des Seins, dessen Funktion eine Strategie des Copings mit den Schrecken des Lebens darstelle: „Religion ist das Vermögen einer Sicherheit, eine dem Menschen mitgegebene Möglichkeit zu existieren, ein Zustand, dem Entsetzensvollen des Lebens standzuhalten, in dem Wankenden festzustehen.“ 2 Sie spricht dabei vom Menschen. Während andere Religionstheoretiker ihrer Zeit und bis weit ins 20.  Jahrhundert hinein unter „Mensch“ den Mann meinen, subsumiert Gertrud Simmel unter den Begriff „Mensch“ auch die Frau, wie ich im Folgenden zeigen werde. Gertrud Simmel verbindet in ihrer Annäherung an Religion die Möglichkeit aller Menschen, eine Transzendenzerfahrung zu sammeln, mit der Frage nach einer Funktion von Religion, die sie in einer Strategie des Copings  – und ja, ich verwende dabei mit Absicht dieses heute in der Religionswissenschaft populä- re Wort, um aufzuzeigen, wie aktuell ihre Gedanken sind – mit den dunklen Seiten des Lebens sieht. Simmel geht dabei davon aus, dass der Alltag für den Menschen „Wankendes“ und „Entsetzensvolles“ bereithalte und dass Religion zwar nicht eine Bedingung, aber eine „Möglichkeit“ darstelle, um im Leben Sicherheit  – oder vielleicht aktueller gesagt: Orientierung – zu gewinnen. Bereits diese wenigen Zeilen, die ihr Buch über Religion eröffnen, zeigen an, wie Gertrud Simmel über die Welt und die Stellung des Menschen  – Frau und Mann – darin denkt. Ihre Religionsdefinition ist als eine universale Annähe- rung gedacht und gleichzeitig, wie jede Definition, auch Ausdruck von Gertrud Simmels Leben und Umfeld. Ich will im Folgenden deshalb zuerst dieses Leben genauer anschauen, um danach über die Relevanz von Simmels Religions- theorie nachzudenken. Das Leben rekonstruiere ich vor allem basierend auf den hervorragenden Forschungen von Angela Rammstedt zu Gertrud Simmel. Angela Rammstedt (1943–2018) war von 1992 bis 2015 Mitglied der Bielefel- der Forschungsgruppe „Georg Simmel-Edition“, die die Georg-Simmel-Ge- KeywordsKeywords Gertrud Simmel, theory of religion, First World War, women’s movement, Berlin
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