Atwood, Gottschöpfung und Lebensgläubigkeit. Lou Andreas-Salomé zwischen Religionswissenschaft und Lebens-Theologie der Moderne

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Lou Andreas-Salomé I - 5.8.1 Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 87. EL 2026 1 ZusammenfassungZusammenfassung Lou Andreas-Salomé, geborene Louise von Salomé, gehört längst in die Klassiker:innenliste der Religionswissenschaft. Ihre bisherige Nichtbe- achtung hat mehrere Gründe, die mit ihrer Rezeption als einer „Freundin/ Geliebten/Begleiterin von …“ und damit bei einer patriarchalen Wissen- schaftsgeschichte einen Anfang nehmen. Die schleppende Rezeption steht ihrer großen Bedeutung im Geistesleben der Jahrzehnte von 1890 bis 1930 gegenüber und erstaunt insbesondere mit Blick auf die Religionswissen- schaft, insofern viele ihrer Aufsätze und Arbeiten gerade dieser neuen Dis- ziplin zugeordnet werden können. Nur leicht anachronistisch kann man von ihrer Religionstheorie als einer der Bricolage-Religiosität avant la lettre sprechen: Das, was heute unter Begriffen der Spiritualität, der Religiosität oder der Bricolage diskutiert wird, finden wir bei Lou Andreas-Salomé im Begriff der „Religiosität außerhalb des Glaubens“. Ihr Schreiben verbindet somit die zeitgenössischen Religionskritiken mit einem wissenschaftlichen sowie einem lebensphilosophischen Interesse, was sie nicht nur als religions- wissenschaftliche, sondern auch als religionsproduktive Autorin auszeichnet und damit konstitutive Disziplingrenzen der Religionswissenschaft irritiert, aber eben auch produktiv anregt. Schlagwörter Religionspsychologie, Individualität, Spiritualität I - 5.8.1 Gottschöpfung und Lebensgläubigkeit. Lou Andreas-Salomé zwischen Religionswissenschaft und Lebens-Theologie der Moderne [God creation and belief in life. Lou Andreas- Salomé between the study of religion and modern life theology] David Atwood Submitted October 3, 2025, and accepted for publication February 2, 2026 Editor: Dolores Zoé Bertschinger --- Seite 1 Ende --- I - 5.8.1 Lou Andreas-Salomé 2© Westarp Science Fachverlag 1­ Einleitung Die schillernde Biografie von Lou Andreas-Salomé spiegelt eine für die Kul- tur- und Geisteswissenschaften charakteristische Geschichte wider: sie be- wegt sich zwischen den beiden Polen einer Stilisierung zur Muse durch die sie umgebenden Männer einerseits und der Betonung ihrer wissenschaftlichen Eigenständigkeit in der jüngeren Forschung andererseits. Ihre umfassende und vielfältig künstlerische sowie schriftstellerische Tätigkeit als Romanautorin mag ein weiterer Grund für die nach wie vor geringe Wahrnehmung als Reli- gionswissenschaftlerin sein, denn sie fehlt bisher in den einführenden Werken zur Religionswissenschaft. Dies, obschon sie ihr ganzes Leben lang intensiv religionswissenschaftlich gearbeitet, sich intensiv mit dem zeitgenössischen Forschungsstand (etwa von Max Müller, Wilhelm Brandt und Robertson Smith) beschäftigte und dabei Perspektiven entwickelt hat, die heute eher als postmo- dern denn als modern zu bezeichnen wären. 1 Sie betonte die individuelle Seite der Religiosität und des Gottesglaubens, den sie immer wieder psychologisch SummarySummary Lou Andreas-Salomé, born Louise von Salomé, should have been included in the list of classics in the study of religion long ago. There are several re- asons for her previous neglect, which stem from her reception as a „friend/ lover/companion of...“ and thus from a patriarchal history of knowledge. The slow reception contrasts with her great importance in the intellectual life of the decades from 1890 to 1930 and is particularly surprising in the field of the study of religion, given that many of her essays and works can be assi- gned to this new discipline. It is only slightly anachronistic to speak of her theory of religion as a form of bricolage religiosity avant la lettre: what is discussed today under the terms spirituality, religiosity, or bricolage can be found in Lou Andreas-Salomé’s concept of „religiosity outside of faith.“ Her writing thus combines contemporary critiques of religion with an interest in science and philosophy of life, which distinguishes her not only as a scholar of religion but also as a religiously productive author, thereby blurring the boundaries of the study of religion as a discipline, but also stimulating it in a productive way. KeywordsKeywords Religious psychology, individuality, spirituality
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