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Julia Bernstein: Antisemitismus an Schulen in Deutschland – Befunde – Analysen – Handlungsoptionen

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Rezension XV - 2.5.1 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 66. EL 2020 1 XV - 2.5.1 Julia Bernstein: Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen Von Rebecca Hedenkamp Julia Bernstein, Professorin für „Diskriminierung und Inklusion in der Ein- wanderungsgesellschaft“ an der Frankfurt University of Applied Sciences, realisierte für ein Forschungsprojekt zwischen 2017 und 2019 insgesamt 251 Interviews. Diese waren zunächst im Rahmen eines Studienberichts für den Expertenrat Antisemitismus geplant, jedoch wurde schnell klar, dass Schule einer der zentralen Orte für Antisemitismuserfahrungen darstellt. Unter dieser Prämisse beschäftigte sie sich dann weiter mit dem Mikrokosmos Schule. Die Ergebnisse veröffentlichte sie im vorliegenden Buch: „Fünfundsiebzig Jahre nach der Shoah ist der Judenhass zurückgekehrt.“ Mit diesen Anfangsworten setzt sie direkt ein Statement: Vor dieser Entwicklung kann niemand die Augen verschließen. Der anfängliche Problemaufriss zeigt, wieso und in welchem Maße Antisemi- tismus heute einen Faktor in der Gesellschaft und vor allem an Schulen dar- stellt. Bernstein spricht zum Beispiel über die Rückkehr des zum Schimpfwort gewordenen Begriffes „Jude“, macht auf die Verschiebung der Ressentiments gegenüber Juden nach der Shoah aufmerksam. So sei rassistischer Antisemitis- mus zwar immer noch verpönt, israelbezogener Antisemitismus jedoch heut- zutage salonfähig. Darauf folgt die theoretische Grundlage der Arbeit. Die Autorin legt dar, welche Formen des Antisemitismus heute vorrangig vertreten werden. Im Zuge dessen geht sie auf die Wandlung des Phänomens ein: von der Entwicklung aus dem antijudaistischen Christentum heraus, über die Frühe Neuzeit und den Mo- dernen Antisemitismus, bis zur Shoah und der ihr nachfolgenden Umdeutung antisemitischer Stereotype auf den Staat Israel. Zu jeder der neun Ausformun- Julia Bernstein Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen Beltz Juventa, Weinheim 2020 Hardcover, 616 Seiten, ISBN 978-3-7799-6224-3, 49,95 € Editoren: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff --- Seite 1 Ende --- XV - 2.5.1 J. Bernstein: Antisemitismus an Schulen in Deutschland 2 Westarp Science – Fachverlage gen gibt sie Beispiele aus den Interviews, sodass LeserIinnen die theoretische Grundlage direkt an gegenwärtigen Situationen erkennen können. In Kapitel drei stellt die Autorin die Forschungsergebnisse der Interviewstudie dar und unterteilt dazu zunächst die Befragten. So wird zuerst über Erfahrungen betroffener SchülerInnen gesprochen, dann über die nicht betroffener Lehr- kräfte, schließlich kommen die betroffenen Lehrkräfte zu Wort. Dabei greift Bernstein den theoretischen Unterbau auf und bringt diesen in die Diskussion mit den einzelnen Aussagen. Innerhalb des Kapitels steht jedoch noch klar die Darstellung ihrer Ergebnisse im Fokus – im Nachfolgenden setzt sie diese dann in einen größeren Kontext und teilt sie in drei große „Problemschwer- punkte“: Israelbezogener Antisemitismus, Antisemitismus und Rassismus und Echos der Nazizeit. Bernstein zeichnet ein Mosaik, das sich später zu einem Gesamtbild zusammensetzt. Jedwede, im Kleinen beobachtete oder erfahrene, antisemitische Situation etc. lässt sich auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene – in Politik, Werbung oder anderen kulturellen Bereichen wie Musik, Sport etc. – wiederfinden. Die dabei aufgedeckten, vordergründig nicht als antisemitisch ausgelegten Aussagen, machen deutlich, wie sehr Antisemitismus im Alltag angekommen ist. Innerhalb dieses Kapitels merkt man zeitweise die Wut bzw. die Ohnmacht, mit der Julia Bernstein Alltägliches anprangert. Eine Wut, die aus einer Hilflosigkeit entsteht, die Betroffene verspüren, wenn sie antisemitischen Übergriffen ausgesetzt sind. Unter der Überschrift „Handlungsempfehlungen“ beschreibt Julia Bernstein abschließend mögliche Begegnungen und Reaktionen auf antisemitische Situ- ationen. Wer hier eine detaillierte Anleitung zum Umgang mit Antisemitismus sucht, liegt falsch. Die Autorin stellt klar: Hier werden sich keine pauschalen Handlungsrezepte für alle Fälle finden lassen. Doch wer aufgrund dessen das Buch verschmäht, in der enttäuschten Hoffnung auf das Universalheilmittel, verkennt die Ausdifferenzierung, die nun folgt. Bernstein formuliert zwar keine Pauschalitäten, gibt LeserInnen jedoch Handlungsanweisungen – gespickt mit individuellen Beispielen aus den Interviews. Vertieft man sich dann in dieses Kapitel, erkennt man auch die pädagogischen Hilfen, die Bernstein konstru- iert. Unterstützung erhält sie dabei in zwei Kapiteln von der Psychologin, Ver- haltenswissenschaftlerin und -therapeutin Marina Chernivsky, Leiterin des „Kompetenzzentrums Prävention und Empowerment“ (Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland), die sich vor allem für eine Empowerment-Pädagogik in Bezug auf Antisemitismus einsetzt. Dieser rote Faden zieht sich durch das gesamte Werk und findet hier seinen Höhepunkt: Bernstein möchte Juden und Jüdinnen in der heutigen Gesellschaft sichtbar machen – die Perspektive der Betroffenen wird immer wieder aufgegriffen und stark gemacht. Damit schließt
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