XV - 2.2.1

Geöffnete Türen – Das „Neue Testament – jüdisch erklärt" zeigt neue Wege zum Verständnis des Neuen Testaments, seiner Umwelt und seiner Wirkungsgeschichte

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Rezension XV - 2.2.1 Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 77. EL 2023 1 XV - 2.2.1 Geöffnete Türen Das „Neue Testament – jüdisch erklärt“ zeigt neue Wege zum Verständnis des Neuen Testaments, seiner Umwelt und seiner Wirkungsgeschichte 1 Susanne Plietzsch Submitted October 25, 2022, and accepted for publication June 01, 2023 Editors: Walter Homolka, Hartmut Bomhoff Das Neue Testament – jüdisch erklärt Herausgegeben von Wolfgang Kraus, Michael Tilly und Axel Töllner Verlag: Deutsche Bibelgesellschaft 1. Auflage 2021 Hardcover, 976 Seiten, Format 15,5 x 23,5 cm ISBN: 978-3-438-03384-0 EUR 53,00 Mit Das Neue Testament – jüdisch erklärt (NTJE) legt die Deutsche Bibelge - sellschaft eine kommentierte Ausgabe des Neuen Testaments vor, die dessen Verortung im Judentum seiner Zeit deutlich aufzeigt und allgemein zugäng- lich macht. Es handelt sich um die deutsche Übersetzung der 2017 bei Oxford University Press erschienenen zweiten Auflage des Jewish Annotated New Testament (erste Auflage 2011). Diese Vorgeschichte ist bedeutsam, denn die deutsche Übersetzung spricht in eine andere Situation hinein als das englische Original. Die amerikanischen Herausgeber Amy-Jill Levine (Professorin für Neues Testament) und Marc Zvi Brettler (Professor für Judaistik) verstanden ihr Projekt ausdrücklich als einen Beitrag von jüdischer Seite zum jüdisch- christlichen Gespräch. So sprachen sie im Vorwort zur Originalausgabe (S. XVI–XIX) gleichermaßen ein jüdisches wie ein christliches Publikum an und wiesen es auf das gemeinsame Erbe hin. Nicht zuletzt bestand ihr Anliegen darin, jüdischen Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, allfällige Ressentiments gegenüber dem Neuen Testament zu überdenken und den ge- samten Reichtum des antiken Judentums zu erschließen. So heißt es im Vorwort zur Originalausgabe: „Viele Jüdinnen und Juden sind mit dem Neuen Testament nicht vertraut oder fürchten sich sogar, es zu lesen. Sein Inhalt und seine Erzählformen sind ihnen fremd und sie brauchen erläu- ternde Notizen. Andere wiederum halten die neutestamentlichen Schriften --- Seite 1 Ende --- XV - 2.2.1 Geöffnete Türen 2© Westarp Science Fachverlag für irrelevant für ihr Leben oder argwöhnen, jegliches kommentierte Neue Testament ziele auf Überredung oder gar Bekehrung. Dieser Band, zumal von jüdischen Gelehrten herausgegeben und geschrieben, soll diesen Verdacht nicht erwecken. Es ist nicht unsere Absicht, jemanden zur Konversion zu bewegen – weder Juden zum Christentum noch Christen von ihren eigenen Kirchen fort. […] Genauso, wie wir uns als Juden wünschen, dass unsere Mitmenschen unsere Texte, Überzeugungen und Praktiken verstehen, so sollten wir mit den Grundlagen des Christentums ebenfalls vertraut sein.“ 2 Wenn die Diskurslage im deutschsprachigen Raum eine andere ist, lässt dies zuerst an die Schoa denken, aber auch daran, dass die konfessionell geprägte deutschsprachige Bibelwissenschaft ein solches grenzüberschreitendes Werk wohl kaum hervorgebracht hätte. Dazu eine wissenschaftsgeschichtliche Be- merkung: Deutschsprachige Theologinnen und Theologen kennen den 1922– 28 erschienenen „Strack-Billerbeck“. Dieser von dem evangelischen Pfarrer Paul Billerbeck (1853–1932) erstellte monumentale Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, der zu Versen und Motiven des Neuen Testaments rabbinische Texte anführte, war eine herausragende Leistung, die bis heute zur Erforschung von Motivparallelen zwischen dem Neuen Testa- ment und der rabbinischen Literatur herangezogen werden kann. 3 Aber: Sein Verfasser, obwohl er sich vom Antisemitismus distanzierte, war von der in seiner Zeit unausweichlichen Geringschätzung des Jüdischen so geprägt, dass er theologisch-antijüdische Motive, wie zum Beispiel das der „Gesetzesreli- gion“ oder der „Überheblichkeit“ der Pharisäer und Rabbinen in den Texten „auffand“ und im herkömmlichen Sinne deutete. Zudem lehnte er es im Na- men der „Objektivität“ ab, die Perspektiven jüdischer Kollegen, welche die christlich-theologischen Prämissen nicht teilten, zu berücksichtigen und ihre Forschungen gleichwertig zu diskutieren. So gesehen ist Das Neue Testament – jüdisch erklärt, zumindest im deutschsprachigen Raum der akademischen Theologie, eine postmoderne Antwort auf „Strack-Billerbeck“! Während Bil- lerbeck selbstverständlich davon ausging, dass das Neue Testament dem Ju- dentum seiner Zeit überlegen sein musste, erscheint es nun als eine Sammlung von Schriften, die sich regional wie chronologisch in eine reiche und vielfältige jüdische Religionsgeschichte einordnen lassen. Eine Stärke des NTJE besteht darin, dass es sich grundsätzlich an ein allgemei- nes, am Neuen Testament interessiertes Publikum richtet, dabei aber ebenso für die Forschung relevant ist. Nicht zuletzt ist es für die (universitäre) Lehre zu empfehlen! Kernstück ist der revidierte Luthertext von 2017 mit einem Ap- parat, der in frühjüdische und rabbinische Texte hinein verweist, die Parallelen oder verwandte Motive zu den einzelnen neutestamentlichen Versen enthalten
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