Dag Hammarskjöld , Dietrich Bonhoeffer , Dorothee SölleXV - 1.1.12
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 71. EL 2022 1
Zusammenfassung
Dag Hammarskjöld (1905‒1961), Dietrich Bonhoeffer (1906‒1945) und Do-
rothee Sölle (1929‒2003) verbindet die mystische Kontur ihres Glaubens
und Denkens. Der ehemalige UNO-Generalsekretär Hammarskjöld wur-
de erst posthum als Christusmystiker im Verborgenen bekannt. Geprägt
durch die Lektüre der mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart, Johannes
vom Kreuz und Thomas von Kempen, konnte er in der innerlichen Glau-
benserfahrung eine Triebfeder für sein politisches Engagement entdecken:
Durch die Vereinigung der Seele mit Gott partizipiert das menschliche
Handeln an Gottes Kraft. Maßgeblich durch die „Imitatio Christi“ ist Diet-
rich Bonhoeffers Mystik geprägt. Mit dessen Rezeption stellt Bonhoeffer
in ökumenischer Weite neben die Gemeinschaft der Kirche die persönliche
Christusbeziehung. Mystisch geprägte Nachfolge muss auch für ihn gesell-
schaftliche Konsequenzen haben. Auf dieser Linie bewegt sich ebenfalls die
Widerstandsmystik Dorothee Sölles. Mystik als menschliches Existenzial ist
demokratisch und politisch. Sölle entwickelt überdies eine Leidensmystik,
die dem, was den Menschen auch negativ überwältigend von Gott entgegen-
kommt, die Sinnlosigkeit nehmen und zu mündigem Handeln bewegen soll.
Allen gemeinsam ist eine Mystik der offenen Augen. Ihr mystisch gepräg-
tes Glaubensverständnis ist untrennbar verknüpft mit einer Orientierung
am Nächsten. Indem Hammarskjöld, Bonhoeffer und Sölle ihre mystischen
Erfahrungen zum Ausdruck brachten, waren sie maßgeblich an den theolo-
gischen Diskursen nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt.Schlagwörter
Mystik, Leiden, Widerstand, Glaubenserfahrung, Nachfolge, Engagement
XV - 1.1.12 Dag Hammarskjöld, Dietrich Bonhoeffer,
Dorothee Sölle: Mystisches Dreigestirn im
Protestantismus des 20. Jahrhunderts
[Dag Hammarskjöld, Dietrich Bonhoeffer,
Dorothee Sölle: Mystical triumvirate in
Protestantism of the 20th century]
Peter Zimmerling
Submitted December 10, 2021, and accepted for publication January 17, 2022
Editor: Udo Tworuschka
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XV - 1.1.12Dag Hammarskjöld , Dietrich Bonhoeffer , Dorothee Sölle
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Westarp Science – Fachverlage
Summary
Dag Hammarskjöld (1905-1961), Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) and Doro-
thee Sölle (1929-2003) share the mystical contour of their faith and thought.
Former UN Secretary-General Hammarskjöld only became known posthu-
mously as a Christian mystic. Influenced by reading the medieval mystics
Meister Eckhart, John of the Cross and Thomas à Kempis, he was able to
discover a mainspring for his political commitment in the inner experience
of faith: Through the union of the soul with God, human activity participates
in God’s power. Dietrich Bonhoeffer’s mysticism is largely shaped by the
“Imitatio Christi”. With its reception, Bonhoeffer places the personal rela-
tionship with Christ alongside the communion of the Church. A mystical
succession must also have social consequences for him. Dorothee Sölle’s
resistance mysticism also moves along this line. Mysticism as a human exis-
tential is democratic and political. In addition, Sölle develops a mysticism
of suffering, which is supposed to remove the senselessness and encourage
people to act responsibly, if God is overwhelming in a negative way. They all
share a mysticism of “open eyes”. Their mystically shaped understanding of
faith is inextricably linked with an orientation towards one’s neighbour. By
expressing their mystical experiences, Hammarskjöld, Bonhoeffer and Sölle
were instrumental in the theological discourses after the Second World War.
Keywords
mysticism, suffering, resistance, experience of faith, discipleship,
commitment
Einleitung
Der zweite Generalsekretär der UNO, Dag Hammarsjköld, gehört zu den gro-
ßen theologischen „Laien“ der evangelischen Kirche, während Dietrich Bon-
hoeffer und Dorothee Sölle durch ihre theologischen Überlegungen die Dis-
kurse in der evangelischen Theologie des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt
haben. Alle drei verbindet die mystische Kontur ihres Glaubens und Denkens.
Im Folgenden soll nach knappen Überlegungen zur Mystik im Protestantismus
insgesamt das mystische Profil des Dreigestirns herausgearbeitet werden. Das
geschieht jeweils in einem Dreischritt von Biogramm, prägenden mystischen
Traditionen und Interpretation eines exemplarischen Textes. Abschließend
wird in einem Ausblick nach den bleibenden Herausforderungen der Mystik
Hammarskjölds, Bonhoeffers und Sölles gefragt.
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Der vollständige Artikel umfasst 22 Seiten
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