Erich Przywara XV - 1.1.11
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 56. EL 2018 1
XV - 1.1.11 Erich Przywara
Von Eva-Maria Faber
1. Kurzbiografie
Erich Przywara wurde am 12. Oktober 1889 in Kattowitz  / Oberschlesien ge-
boren. 1908 trat er in den Jesuitenorden ein und absolvierte 1910  – 1913 sowie
1917 – 1921 ein Philosophie- und Theologiestudium in Valkenburg (Nieder-
lande). 1913  – 1917 wirkte er als Musikpräfekt in Feldkirch (Vorarlberg, Öster-
reich). 1920 wurde er zum Priester geweiht. Von 1922 bis 1941 war er Redak-
tionsmitglied der Jesuitenzeitschrift „Stimmen der Zeit“ und publizierte selbst
zahlreiche Rezensionen, Artikel und Bücher. Mit seinen Stellungnahmen prägte
er nach dem Urteil von Otto Weiß „wie kaum ein anderer in der Weimarer Zeit
weit ĂĽber den Jesuitenorden hinaus den deutschen Katholizismus, seine Geis-
tigkeit und seine Kultur“ 
1
. Nach dem Verbot der „Stimmen der Zeit“ durch das
NS-Regime engagierte sich Przywara in der Altakademikerseelsorge und im
Rahmen von Predigtzyklen und Vortragszirkeln in MĂĽnchen, Wien und Berlin.
Seine Publikationsliste reicht bis ans Ende der 1960er Jahre. Doch bereits 1940
zeigten sich erste Anzeichen einer schweren psychischen Krankheit, die sein
Wirken und Schaffen in der Nachkriegszeit mehr und mehr beeinträchtigte. Am
28. September 1972 starb Erich Przywara in Murnau am Staffelsee.
2. Werkübersicht
Das Denken von Przywara bewegt sich in ständigem Austausch mit anderen
Denkern. Die dadurch erfahrenen Einflüsse lassen sich in ihren Hauptströmen
insofern gut nachvollziehen, als Przywara darĂĽber selbst Rechenschaft ableg-
te
2
und zudem – besonders in den 1920er und 30er Jahren – einen Teil seiner
Publikationen anderen philosophischen und theologischen Ansätzen widmete.
Zu nennen sind hier die Studien ĂĽber John Henry Newman und Max Scheler
3
,
Sören Kierkegaard
4
, Kant beziehungsweise den Neukantianismus
5
und Augus-
tinus
6
. Im weiteren Schrifttum dokumentieren sich Erörterungen zum Beispiel
ĂĽber die Philosophien von Friedrich Nietzsche, Edmund Husserl, Georg Simmel
und Martin Heidegger, theologischerseits EinflĂĽsse von Dionysios Areopagita
und Thomas von Aquin. Bemerkenswert sind darĂĽber hinaus Auseinanderset-
zungen und direkte dialogische Begegnungen mit zeitgenössischen Vertretern
des Protestantismus (zum Beispiel Karl Barth und Paul Tillich) und des Juden-
tums (zum Beispiel Hermann Cohen, Martin Buber und Leo Baeck).
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XV - 1.1.11 Erich Przywara
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Seine fachĂĽbergreifende Perspektive erlaubte es dem Philosophen und Theo-
logen Przywara, in sehr unterschiedlichen Themenbereichen zu arbeiten, sie
miteinander zu verbinden und dafĂĽr unkonventionelle Reflexionswege zu ge-
hen. Seine Schriften lassen drei groĂźe Perspektiven erkennen.
1. Das (religions-)philosophische Schaffen findet sein Hauptwerk in der „Ana-
logia entis“, die 1932 erstmals erschien und 1962 zusammen mit ergänzenden
Schriften erneut aufgelegt wurde
7
.
2. Die theologische Perspektive ist zunächst durch aktuelle Stellungnahmen
in Artikelform bestimmt, sucht sich dann jedoch eigene Ausdrucksformen
zum Beispiel in zwei Kommentarwerken zu den ignatianischen Exerziti-
en („Deus semper maior“
8
) und zum Johannesevangelium („Christentum
gemäß Johannes“
9
). Wie sehr es immer auch um die Frage nach den Kon-
sequenzen der Analogia entis geht, zeigt nicht zuletzt die kleine Gottesleh-
re „Was ist Gott?“
10
. Mehrere Schriften basieren auf gesprochenem Wort
und sind entsprechend situativ gekennzeichnet. Dies gilt namentlich für die Sammlung von Vorträgen und Predigten aus den Kriegsjahren „Alter und
Neuer Bund“
11
.
3. Seit den frühen religiösen Schriften
12
zieht sich ein spiritualitätstheologi-
sches Interesse wie ein roter Faden durch das Werk Przywaras. Neben der
Prägung durch den Jesuitenorden (vgl. „Ignatianisch“
13
) lassen sich Affini-
täten insbesondere zur Spiritualität des Benediktinerordens und der Kar-
meliten aufweisen. Während sich die Analogia entis zunächst vor allem in Richtung einer geschöpflich geerdeten Spiritualität auswirkt, machen sich im Laufe der Zeit stark kreuzestheologische Akzente bemerkbar. Hervor-
zuheben ist die in all seinen Schriften charakteristische Sprache Przywaras.
Eine erste Besonderheit grĂĽndet in der intensiven Auseinandersetzung mit originalsprachlichen Referenztexten. Ob es philosophische Texte des Aris-
toteles, Schriftstellen aus dem Neuen Testament oder spanische Texte des
Exerzitienbuches sind: Przywara übersetzt sie möglichst eng am Original, oft
entlang von etymologischen Sprachwurzeln und gelangt so zu eigenwilligen deutschen Formulierungen. Dies wird verstärkt durch einen dem zeitgenös-
sischen Expressionismus verwandten Sprachgestus. Aus philosophischen
und theologischen Gründen ist es Przywara ein Anliegen, der Fragilität des
Geschöpflichen auch sprachlich einen Ausdruck zu geben. Schließlich gehört
zur Eigenart der Sprache Przywaras das unvermittelte Wechseln verschiede-
ner Sprachspiele, vor allem im philosophischen Werk der „Analogia entis“. Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten
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